Zwar kenn ich dergleichen von früher. Mit dreizehn bin ich von Köln nach Bielefeld verpflanzt worden und wenn ich nur den Mund aufmachte, bogen sich alle vor Lachen.War also zugezogen ...
Papa baut und kauft kein Haus. Er lässt sich nirgendwo mit dem Gedanken nieder, er würde dort auch sterben und in der Nähe beerdigt werden.
Mama, Bauerntochter klagt: „Wir sind wie die Zigeuner!“
Freunde fragen: Wie viele?
„Weißt ja gar nicht, was Hunger ist!“
Aus dem Helikopter springen im Wind und Krach der Rotorblätter gebückte Männer.
Maschinengewehre! Tacktacktack, tacktack. Die schießen um sich.
„Sind Belgier“, weiß Kalle.
Senoussi: Wüste
Die Männer stehen weiß, Sonne von hinten
Gelb ist die weite Wüste, heiß
Weiß nichts, lerne wenig, bringe nichts mit und nichts wieder nach Hause.
Während ihr Ostjungs über eurem handlichen Magazin zugange wart
Stapel mit bunten Heften aus Amerika
Schweigsames Fleisch
„Bis aufs Blut!“, sagt einer anerkennend.
Glasklarer Gin aus England!
Martini, Drambuie aus Frankreich?
Reihenhausdröhnung.
Aus der Ferne begleitet der Tod unser Schülerleben. Wie ein Straßenköter läuft er da.
Ob ich ihn noch mal treffen würde? Na klar. Stell ich mir so vor. Meine ja nur, befürchte: IM zu werden sei das Natürlichste der Welt.
„Westberlin.“
Er enttäuscht: „Schade. Weißt du, ich würde so gern im Osten leben!“
Da guckst du, Wessi.
Seit ich in Leipzig wohne, bin ich nicht von hier.
Zwar kenn ich dergleichen von früher. Mit dreizehn bin ich von Köln nach Bielefeld verpflanzt worden und wenn ich in einer neuen Heimatstadt nur den Mund aufmachte, bogen sich alle vor Lachen. War also zugezogen und redete wie einer in der Bütt am Rosenmontag im Fernsehen.
In Leipzig ist aber keine genaue Herkunft zu spüren. Ich bin nachweislich Deutscher und gut. Woher? Aus dem Westen. Immerhin eine klare Himmelsrichtung. Ganz einfach ist das aber auch nicht.
Habe eigentlich lange Jahre im Osten gelebt, so als Richtung. Nämlich, je nachdem, in Westberlin oder in Berlin (West). Habe auf Außenklos in Moabit und Kreuzberg manches bedacht, habe die ganze Gneisenaustraße entlang Hunger geschoben und im Winter im Wedding Braunkohlenrauch atmen können, der über eine Mauer zu uns zog. West-Berlin lag im Osten. War aber Westen.
Wenn ich von Zuhause einmal in mein Heimatland Richtung Westen fuhr, führte mein Weg durch den Osten. Dieser Osten war nämlich nicht einfach eine Richtung, sondern auch ein Raum mit einer ganz bestimmten Grenze drum. Ein Ossi käme von dort, so viel ist klar. Von hinter einer Grenze und da kam keiner raus. Und ich? Wessi?
Im Zug von Krakow zu unserm gelben verqualmten Zoo sprach mich 1986 ein
junger Mann beim Rauchen an.
„Bist ausm Westen, hm?“
Ich nickte.
„Wär gern auch da.“
Im Westen, also einfach raus aus dem Osten, dem mit der Grenze drum.
Ja, dachte ich, Scheiße, ich kann aber nichts dafür, verstehst du das?
Er sah, dass ich verlegen war und fügte hinzu: „Naja, ihr habt die janzen Arbeitslosen, wa?"
So gings irgendwie, aber es hing etwas Falsches in der Luft. Ossi trifft Wessi?
Das ist nun aber so: Bei uns in West-Berlin gab es auch Wessis. Wo wir lebten, das war zwar Westen, aber im Osten. Zu uns kamen also viele Touristen aus dem Westen im Westen.
Sie kamen zur Berlinale und kritisierten in unsrer U-Bahn die Synchronisation eines portugiesischen Avantgarde-Films, machten eine Pufftour an der Hasenheide oder kamen zum Katholikentag, weshalb am Bahnhof Zoo ein schnorrender Junkie ein Papierblatt vorwies, auf dem von energischer Hand geschrieben stand: Fuck Catholicks. Er meinte aber gar nicht die Katholiken. Er meinte die Wessis. Die fuhren im Reisebus zum Fraenkelufer und bestaunten die schmuddlig-bunten Hausbesetzer auch noch, als diese mit Steinen nach ihnen warfen. Die fotografierten den Punk, der am Europabrunnen seine Ratte küsste. Die standen in der U-Bahn immer im Weg, am liebsten am Ausgang. Wie Wessis so sind, wenn sie einmal da sind. Ob einer also in Freiburg sein Weed geraucht, in Fulda Kreuze geschlagen oder in Plön seinen Hering gesalzen hatte, spielte keine Rolle mehr, sobald er erstmal in unserer östlich-westlichen Kleinstadt auftauchte. Viele schwäbelten, das ist wahr, aber bei uns waren sie trotzdem bloß Wessis und Schluss. …
Beim Übergang in den Osten geschieht etwas mit Menschen aus dem Westen. Eine Reduktion. Ortsangaben fallen weg. Ossis hatten ihre Grenze drum, aber Wessis nicht. Also wie?
Viel mehr als die Richtung ist nun von dir, wenn wir hier mal persönlich werden
wollen,
auch gar nicht zu haben. Bist doch schon als Kind sieben- oder achtmal umgezogen. Vater Karriere.
Sehr westlich und sonst nix. Gibs zu. Stell dich vor:
Papa Salesman. Bei Amerikanern. Nicht in so einer deutschen Firma.
Bei den Amis geht es nach Erfolg.
Bei denen kannst du auch jederzeit den Chef in Amerika anrufen, wenn was nicht stimmt.
Bei denen gibt es keine Jahre abzusitzen vor der nächsten Beförderung. Leistung.
Und: „Glorify salesmanship as a sculptor glorifies his labour.”
Papa war immer der Beste.
Einmal im Jahr im 100%-Club. Cote d’Azur, Athen, Austern! Mit Mama. Glory.
Du derweil bei Tante Mine. War gar keine Tante. War die alte Erzieherin deiner Mutter.
Von früher. Warst da.
Mine kochte Birnen ein.
Mine kochte Marmelade. Kochte Gelee. Ganze Nachmittage am Herd. Noch Zucker zugeben.
War ganz krumm von Schufterei und Gicht, die Mine.
Schälte Erbsen. Sonst die aus dem Glas. Wie?
Bei uns zu Haus im Reihenhaus, im ersten, im zweiten, im dritten, da waren die Erbsen tiefgefroren.
Dunkelgrün, hart und mit Delle.
Bei uns am Rand, im Grünen, am Arsch der Welt, da gab es auch keine Kartoffeln mehr,
sondern Nudeln und Reis: Uncle Ben’s: parboiled vom schwarzen Onkel auf den Reisfeldern.
Weihnachten? Figurbewusst mit Pute mit Mais.
Im Möwenweg sind wir zu Haus.
Schlittenfahren den ganzen Tag.
Rollschuhlaufen den ganzen Tag.
Fahrrad- oder Rollerfahren den ganzen Tag.
Im Garten stehen den ganzen Tag. Während die andern in gebügelten Kleidchen und Anzug mit Eltern und Onkeln und Tanten vorbeiziehen.
Sonntag. Du wie immer. Stehst da allein. Lässt es kreisen, das Sprungseil. Besteigst den Hüpfball,
der schon zu klein ist. Schaust in die kleinen Löcher im Blumenbeet, aber kein Regenwurm lässt sich
blicken.
„Alles Spießer“, sagt Papa.
Uns besuchen nur selten mal die Tanten, Mamas Schwestern und die Onkel dazu.
irgendwann kommt Papa dann runter bis auf die Mitte der Treppe, schnürt den weißen Bademantel
zu. wirft die Arme hoch, ruft: „Ach, ihr seid schon da?“ und verschwindet noch einmal eine halbe
Stunde, bevor er sich dazusetzt. Die eigene Verwandtschaft mag er schon gar nicht. Hatte auch
einen Onkel und Cousins in Thüringen! Mal rüberfahren? „Um Gottes Willen!“ Dieser Onkel war,
wie mein Großvater, geboren in Greuda, zeitlebens ein überzeugter Nazi gewesen. War in seinem Fall nicht so lange. Polnische
Zwangsarbeiter, die er jahrelang misshandelt hatte, haben ihn 1944 erschossen. „Das war das Erste,
was die gemacht haben: Pistole besorgt und den Hund abgeknallt!“
Der Osten, die Nazis, Vaters Verwandtschaft: ein Schnitt und weg. Wir sind unter uns. Bundesrepublik. Sonst kennen wir nur die States und im Süden die Urlaubsländer.
Kaffeebesuch: Diese warme Langeweile in Zigarettenrauch und Cognacschwapp. Onkel Albert erzählt von Gaststätten: Schwarzer Hirsch, Draller Bock, Geile Sau. Ein Wildschwein-Ragout, ein Gulasch, ein Rehbraten. Onkel Arno hat einen Sohn, der spricht mit sechzehn vier Sprachen. Tante Liese trinkt ein Schnäpschen. Albert noch einen Cognac. Tante Liese trinkt ein Sektchen. Mama hatte schon zwei. Seltsame langgezogene Nachmittage in einer Fremde. Tante Liese hat Schluckauf. Mit sechzehn vier Sprachen, alles Einser auf dem Zeugnis. Ich geh mal spielen. Draußen ist niemand. Bei den andern ist jeder Sonntagnachmittag so. Einfall der Erwachsenen: parfümiert die Tanten und schwer und dick die Onkel, denen graue Haarbüschel aus den Ohren sprießen. Diese Worteierei, dieses Schleifenziehen, dieses Nicken, dieses Sonntagsonkellachen. Ich gehöre da nicht hin. Stehe im Garten. Die andern gehen vorbei. Ich stehe da wie ausgeschnitten.
Der Witz Ost ja, dass ich auch zu Hause nicht zu Hause bin. Ist das Wessi?
Die Leute finden uns seltsam, stelle ich mir vor.
Papa baut und kauft kein Haus. Er lässt sich nirgendwo nieder, er mietet hier was und dann eben da was.
Mama, Bauerntochter klagt: „Wir sind wie die Zigeuner!“
Freunde fragen: Wie viele?
Es sind fünf! Fünf Grundschulen habe ich besucht.
Georg staunt. Der wohnt im Dorf an der Hauptstraße. Nicht in unsrer Siedlung.
Er teilt mit zwei kleineren Brüdern das Kinderzimmer in einem roten Backsteinbau. Da oben
im Kinderzimmer, da ist keine Heizung drin.
„Wozu willst du hier eine Heizung?“, fragt er mich. „Hier schlafen wir!“
Mich fröstelt. Bei uns ist alles auf 21 Grad beheizt. Manchmal, weil Mama immer kalt ist,
auf 22.
Zum Spielen gehen wir bei Georg nach unten ins Wohnzimmer, wo er mir die neue Stereoanlage
zeigt und die Vorteile des Ratenkaufs erklärt.
Wir machen sowas nicht.
Neben der Tür des Hauses von Georgs Eltern hängt ein Schild: „Mit Gottes Hilfe 1963“.
„Wenn ich sowas schon sehe!“, poltert mein Vater.
Das mit der göttlichen Hilfe: Familienhände. Georgs Cousine, die von der Tankstelle,
erklärt es mir: Georgs Vater hilft ihren Eltern samstags und sonntags
beim Bau ihres Hauses so wie früher sie ihm. Das mache man so, so reihum.
Georgs Vater ist Maurer. Dieses Jahr Karnevalsprinz.
Sie leben in dieser warmen Dichte, in der Häuser wachsen und Kinder.
Kriegt Schlechtwettergeld, der Vater, wenn es regnet, und darf dann zu Hause bleiben.
Ich hör zu. Staune. Geh nach Hause, wo Papa erst erscheinen wird, wenn ich schon schlafe.
Wir sind einander weiter weg.
So sind wir, einer dem anderen, merkwürdig.
Dann bin ich bei Micha zu Besuch. Der ist, da bin ich mir sicher, schneller im Kopf
als ich,
kommt aber nicht aufs Gymnasium. „Wozu das denn?“, fragt auch er.
Er wohnt mit Vater, Mutter und acht Geschwistern in einer Kellerwohnung in einer stillen
Straße,
wo wir in Ruhe spielen können.
Beim Abendessen sagt Mama: „Da gehst du nicht mehr hin!“
Das hat sie schonmal gesagt, als ich bei einem in der Nachbarschaft gewesen war, der in so
einem
kleinen Flachbau lebte.
Da gehst du nicht mehr hin. Kein Umgang für uns. Dabei war das Geld, solange ich klein
war, auch bei uns knapp gewesen. Bevor Papa bei den Amerikanern angefangen hatte, hörte:
Habe Prokura, aber für 500 Mark im Monat.
Arme Leute sind dick und laut und meckern immer.
Mama sagt: Wenn dich einer fragt. Die Kassiererin bei Edeka oder die Nachbarin. Sag,
wir fahren nach Jugoslawien.
Ferien in Jugoslawien?
Nein. Sag es einfach.
Soll ich lügen?
Sag es. Die Leute reden.
Wir hätten in die Ferne gemusst, wir, einmal im Jahr.
Später Rumänien und Tunesien, mit 14, 15, 16, 17 allein in England und Kalifornien, schon wahr. In Oxford lerne ich einen 17jährigen from Berlin-East kennen. Ich brauche einen Moment: Der kommt aus einem der drei anderen deutschsprachigen Länder und will nur Englisch mit mir reden.
Später schleppt Papa ja, den ich nur am Wochenende sehe, haufenweise Geld an.
Leben im Überfluss, sagt man mir. Montags gibts Kartoffeln mit Bratensoße vom Sonntag oder mit Spiegelei. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Erbsen- oder Bohnen- oder Linseneintopf. Freitags Fischstäbchen oder Spaghetti mit Tomatensauce: Miracoli! Oder, Freude: Ravioli aus der Dose.Samstag- und Sonntagabend Braten mit Rosenkohl. Papa kocht am Wochenende. Das Sonntagsfrühstück ist unterdessen zum Brunch geworden. Wenn ich zur Kirche gehe, schlafen meine Eltern noch. Das tue ich aber nur bis zur Kommunion, weil unser Kaplan mich Joachim nennt und immer hinzufügt: "Achim gibt es nicht!" Zur Firmung gehe ich dann nicht mehr, zum Entsetzen einiger Freunde: "Dann bist du kein ganzer Christ!" Rheinland. Westen.
1971: Fonduetopf und Flambierpfanne. Stellvertreter der großen weiten Welt auf dem Wohnzimmertisch. Gemeint ist Westwelt, ja.
„Ich habe Hunger!“ „Weißt ja gar nicht, was Hunger ist!“
Hunger du! mein Vater spricht eben hin und wieder von dir und das klingt jedesmal, als ob, wer dich nicht kenne, gar nichts vom Leben wisse.
War ja auch so: Wenn einer 1960 geboren ist, hat er, solange er ganz klein war, in der Stadt noch ein par Ruinen gesehen, die bald weggebaut waren. Er hat es nicht mehr wahrgenommen, aber noch zwölf, dreizehn Jahre zuvor, da hatte es nichts zu essen gegeben. In der Stadt. Deiner Mutter auf dem großen Hof hatte in Wirklichkeit nie etwas gefehlt, aber sie stimmt ein, wenn Vater den Hunger beschwor. Sie hatte die Leute über Land ziehen und um zwei Kartoffeln betteln sehen.
„Du weißt gar nicht, wie verwöhnt du bist!“
„Wart es nur ab, du wirst schon sehen!"
Den Hunger muss einer zu fürchten wissen. Darf aber nicht, wie als Abwehr aller weiteren Hungerzumutungen, sich einen Bauch anfressen. Sich nicht gehen lassen! Das tun nur arme Leute. Standhaft bleiben im Bewusstsein der Möglichkeit des Hungers!
Am Hotel-Pool, schließlich doch da! klopft Mama auf Papas frisch gewachsenes
Bäuchlein:
„Na, da machen wir bald mal eine Diät, wie?“
Die Antwort ist ein Brummen.
„Nicht jetzt, nach den Ferien!“
Irgend etwas muss dann passiert sein, denn Papa ist tatsächlich, trotz der täglichen
zwei-drei Liter Bier, nicht dicker geworden. Erfolgsmenschen sind schlank.
Mit fünfzehn komme ich dran: Mamas Ausruf beim Abendbrot: „Du kriegst ja einen
Bauch!“
Gucke runter: Oha! Weniger Fahrrad neuerdings? Du gewöhnst dir den Zucker
aus dem Tee. Bauch geht nicht. Bauch macht arm.
Mama kauft keine Limonade mehr. Im Keller steht jetzt eine Kiste Mineralwasser.
Mein älterer Cousin beäugt meine Mutter.
„Sag mal, machst du FdH?“
Mama ist beleidigt.
Klaus mit dem Fußball auf dem neuen, noch ganz schwarzen Parkplatz, den sie, ohne,
dass ihn jemand gebraucht hätte, da angelegt haben, wo vor kurzem noch ein Tümpel
gewesen war, ein alter Rheinarm, wie es hieß.
Ballert ein paarmal.
Zieht das T-Shirt aus. Schaut an sich runter. Kneift die Haut an seinem platten Bauch
zusammen.
„Hab ne Wampe!“
„Hast du nicht!“ Er kneift immer wieder.
Aus dem Großen Gesundheitsbuch schreibe ich Kalorientabellen ab. Immer schön aufgepasst. Diskussionen mit Klaus, was wir essen können.
Hunger? dann angefühlt: mit sechzehn abends in die Küche und der Kühlschrank ist leer. Mama spart beim Essen. Da schreibt ja auch Böll von, der Clown.
Vater nimmt allerdings später die Gewohnheit an, die an sich monatlichen Überweisungen an mich, den Studenten, ab und zu einfach zu vergessen. Außerdem gebe ich zu viel für Bücher aus. So habe ich immer wieder einmal eine Woche oder auch zwei lang erst noch eine Tafel Schokolade am Tag und dann gar nichts mehr zu essen und gehe auf wie aufgeregt bebenden Knien durch die Welt. Abends erleichtert die Magenleere auch das Studium, weil mir nichts übrig bleibt, als über Büchern zu sitzen, womöglich ganze Seiten zu exzerpieren, um nicht ans Essen zu denken. So ist das. Einige Jahre später wird mein Vater bemerken, dass ich jetzt ja wohl wisse, was Hunger sei. Wird wie eine Anerkennung klingen, ganz, als hätte ich eine unsichtbare Schwelle überwunden und sei in den Stamm der Großen aufgenommen.
Sanne legte ihre Hand auf meine Brust.
„Da ist ein Loch!“
Richtig. Meine „anlagebedingte sog. Trichterbrust“, die irgend etwas damit zu tun
haben sollte, dass ich als Kind zwei- dreimal im Jahr diese, wie es damals hieß, um
die
Eltern nicht zu erschrecken: Bronchitis bekommen hatte.
Sie legte die Hand auf meinen Bauch und lachte.
„Da ist noch ein Loch!“
Gleichsam mehr Ab- als Anwesenheit.
Frühlingsnachmittag im Grünen.
Lautes Knattern in der Luft. Was? Riesenhubschrauber über unseren Häuschen, schwenkt vor,
weiter nach hinten über die Landstraße.
Der landet da! Da auf dem Feld. Grau auf Grün.
Zwischen uns und der Straße ein Garten. Wir laufen bis zum Zaun.
Aus dem Helikopter springen im Wind und Krach der Rotorblätter gebückte Männer.
Maschinengewehre! Tacktacktack, tacktack. Die schießen um sich.
„Platzpatronen!“, weiß Kalle.
„Was sind das?"
„Belgier!“
Jetzt erkennen wir alle die kleine Fahne
auf dem Blech.
Tacktacktack, tacktack.
Die Männer laufen zurück und springen wieder hinein in die Maschine. Hebt ab. Schaukelt,
kleine Runde und weg.
„Machen Manöver“, erklärt Kalle.
„Die Belgier? Bei uns?“
„Naja.“
Wir steigen über den Jägerzaun und laufen über die Straße. Zwischen zertrampelten
Pflänzchen liegen lange Patronenhülsen, die wir mit nach Hause nehmen. Freudig mit Beute
heute.
Im Dorf und ums Dorf herum waren wir nachmittags frei. Bis zum Abendessen fragte
niemand nach uns. Wir waren ja so viele. Zu Fuß oder mit dem Rad zogen wir die Straße
entlang, auf Feldwegen durchs Grün, hinaus bis zum Wald und dann stopp. Hoher Maschenzaun,
Schild: „Militärisches Sperrgelände“. Flughafen Nörvenich. Unsere?
„Da sind mal vier Düsenjäger auf einmal runtergekommen“, erzählt einer.
„Nicht lange her!“
Vier auf einmal!
„Die Piloten?“
„Kannste dir vorstellen!“
Vertretungsstunde. Sprechen über Heldentum. Fällt uns nicht viel ein. Lehrer erzählt
von einem Starfighter-Piloten, der bemerkt, dass sein Ding abschmiert. Sieht sich auf ein
Dorf zurasen. Er springt nicht ab, bringt nicht sich in Sicherheit, sondern versucht, das
Flugzeug ein Stück hochzuziehen. Fliegt übers Dorf weg. Feldgrün. Zerschmettert.
Gibt es das?
Stadtmitte am Samstag ab 14 Uhr tot. Vermeiden. Besoffene britische Soldaten, Schlägereien.
In der Morgenzeitung. 4,8 Kilometer von hier ist ein Starfighter in ein Bauernhaus
gekracht. Gebäude und Familie pulverisiert.
„Hätte jeden von uns treffen können“, sagt der Lehrer.
Am Rasen. Am Sommersonntag Kaffee und Kuchen auf der Terrasse.
Onkel Albert hebt, da irgendein Ortsname gefallen war, gerade wieder zur Erzählung von
dortigen Gaststätten an, da kommen die beiden zurück. Hoher, dann sinkender Ton. Kaffee
schwappt. Onkel schweigt. Das ist die Kraft der Tiefflieger. Diese hier waren unter 200
Metern, will uns scheinen. „Die hätten mir ja in den Kaffee spucken können!“
Bumm. Schallmauer. Wieder der hohe Ton. Kommen wieder. Briten von Gütersloh. Oder
Deutsche? Wir gehen besser rein. „Ist das immer so?“ „Meistens.“
Spät abends Night Flight im BFBS. J.J. Cale, John Mayall nur da. Vermutlich habe ich am Radio Englisch gelernt.
Über unsre Welt im Grünen spannt sich ein gezeichneter blauer Himmel: parallele, sich kreuzende weiße Streifen, die langsam zerflattern. Urplötzlich metallene Blitze .
Da führen Linien hin und her. Die sehen wir nicht, aber wir wissen.
Raketen werden aufgestellt. Mittelstrecke: Zielen auf den Osten Deutschlands. Da wiederum stehen ähnliche Geschosse. Zum Abflug bereit: handliche, zielgenaue Atombömbchen. Zielen auf uns. Wir kommen als erstes weg, futsch, ausradiert, wir: in Ost und West. Geht schnell, wissen wir auf beiden Seiten.
Deutsch bei Frau Suermann.
Lesen Ernst Jandl: Vater komm erzähl vom Krieg.
Hören Biermann: Soldat, Soldat.
Lesen Gryphius.
Deutsche Geschichte Schlächterei, ab und zu eine Pause.
Hier durch die Stadt und Schanz rinnt allzeit frisches Blut.
Nicht. Muss aber, wer den Kriegsdienst umgehen will, sich einer Gewissensprüfung aussetzen. Zwei Rentner und einer vom Wehrersatzamt lehnen mein Ersuchen ab, weil ich nicht konsequent gegen jede Gewalt sei. Das Recht auf Abtreibung würde ich zugestehen.
Soldaten sind Mörder, schreibt Wiggi später in einer Zeitung. Bundeswehr verklagt ihn deshalb. Er gewinnt den Prozess.
Marie geht abends durch Kreuzberg, als plötzlich von der Seite ein Soldat aus
einem Busch auf den Gehweg springt. Stocksteif vor Schreck steht sie da, erkennt:
Franzose.
„J’ai peur!“, bringt sie hervor.
„Moi aussi“, erwidert der junge Soldat und läuft zurück zwischen die unbewohnten
Häuser.
Ist großes Manöver in den unbewohnten Altbauten. Anschließend frei zum Abriss.
Papa hat seine Zigarettenschachtel liegen lassen. Senoussi. Ich sitze am Tisch in der
Öde und staune weg in die Fremde. Fremd ist das Bild auf der Packung, gelb und orange:
Das Gewehr ist abgestellt
Senoussi: Wüste
Die Männer stehen weiß, Sonne von hinten
Gelb ist die weite Wüste, heiß
Weiß die Kaftane, so heißen die
Da spielen Schatten
Abend
Das Gewehr steht da
Zwei stehen sich gegenüber, sprechen
Senoussi
Das sind Beduinen, erfrag ich
Wohnen in Arabien in der Wüste
Auf dem Tisch die leere Schachtel
Senoussi
Unsre Welt: Ringsum Weiden, Felder, ein Baggerloch, Schule, Kirche, paar Häuser.
Das Aufregendste in unserm Dorf, an das ich mich erinnern kann, war ein Scheißhaufen auf dem Weg am Baggersee. In den See trauten wir uns nicht rein. Braunes Brackwasser. Da lag zwar fest verankert ein Floß wie bei Huckleberry Finn aber wir kamen nicht hin. Besagter Scheißhaufen sah, da waren wir uns einig, nach menschlichem Produkt aus. Jemand hatte hier, auf dem weiten, platten Acker, am Baggerloch, sich mitten auf den Feldweg hingehockt und gekackt. Im Schutze der Dunkelheit? Wer käme denn im Dunkeln hierher? Krumme, schleichende Lumpengestalten? Räuber und Halsabschneider? Uns gruselte. Wir staunten dann Tag für Tag, wie der Haufen auf wundersame Weise immer kleiner wurde und eines Tages verschwunden war. Vielleicht hatten ja Fliegen das alles in kleinen Stückchen fortgetragen.
Samstags aber öffnete sich in unserer einklassigen Volksschule ganz hinten ein Schrank, die Schulbibliothek. Ein Mädchen aus der achten ging mit einer Liste durch die Tischreihen, ich suchte etwas aus, vielleicht war ich der einzige? und sie brachte mir das gewünschte Büchlein oder Heftchen: etwas Kleines jedenfalls. Aus den geliehenen Werken wusste ich, wer Eduard Vogel und Gustav Nachtigall gewesen waren. Ich kannte den treuen Freund Amundsen und den, las ich: ewig neidischen Italiener Nobile (dreißig Jahre später fand ich es trotzdem aufregend, in Mailand im Campo Kennedy den Ort zu finden, von dem Nobile abgeflogen war). Ganz neu kann mein Lesestoff nicht gewesen sein, ein verspätetes Traumreich mitten im Nirgendwo, für einen, der zufällig da saß, in einer Welt von gegeneinander verschobenen Zeiten.
Zu Hause fand ich noch zwei Bücher: Erst Sigismund Rüstig, in Fraktur zwar, aber das ging. Dann Märchen aus 1001 Nacht. Sindbad der Seefahrer. Senoussi!
Ich sitz im Möwenweg wie in die Ferne gespannt.
Als Student fliege ich tatsächlich, hatte als Übersetzer gearbeitet und dieses eine Mal Geld übrig, überglücklich in die Wüste. Last Minute über Schönefeld und Zypern. Das können die von um Schönefeld herum selber nicht. Schleppe meine maulende Freundin in Tempel und über den Berg zu Fuß ins Tal der Könige. Sie bringt für ihre Verhältnisse schon viel Geduld auf, während ich beglückt Hieroglyphen anstarre. Doch muss ich drei der kostbaren 14 Tage am Pool verbringen, zwei weitere verlieren, weil wir immer die billigste oder, wie nennt die das? einheimischste? Fahrgelegenheit und Unterkunft ausfindig machen müssen und sitze übrigens auch zwei Tage auf dem Klo. Der Fluch.
Bin aber sonst nicht so ein Reiser. Andre arbeiten in den Semesterferien bei der Bäckerei und staksen dann im dritten Monat mit Rucksack in Kolumbischen Dörfern herum. Ich bin während meines Studiums einmal in Ägypten und einmal in Flensburg per Autostopp. Sonst zu Hause, in der Bibliothek, in der Philosophischen Abteilung ist niemand und die Bibliothekarin, ist ja eigentlich verboten, stellt mir einen Aschenbecher hin, oder im Sommer mit Buch im Park, wo die Frauen liegen. Lese Benjamin, lese Hofmannsthals Märchen, lese den Cornet. Reiten, reiten, reiten. Reisen?
Arbeiten gehen ist nicht so mein Ding und schon daher das Reisen unwahrscheinlich. Dazu später.
Allerdings bestehe ich darauf: Nordwessi.
Habe ja, in jungen Jahren noch, auch einmal eine Freundin aus Franken. Bei der zu Hause laufen so kräftige Männer rum, die im Winter Ski fahren und im Sommer bouldern, lange bevor die Amerikaner darum als ihrem Freeclimbing ein Riesenjedöhns machen. Hauptstadt der Bewegung.
Die Franken sind einsatzstark und kraftmutig. Die historische Innenstadt ist zerbombt? Jo auffi oder was die da sagen. Die holen sich zehn Millionen Streichhölzchen aus dem Wald und bauen die Stadt genauso wieder auf, wie sie gewesn ist. Aber ganz genau. War da was? Krieg? Nazis, hier? I wo.
Bei da, wo ich herkomme, restauriert man Rathaus, sieben Giebel am Prinzipalmarkt und Kirche und bummsti. Der Rest wird hutz-wutz hochgezogen in Beton. Nazis sowieso weniger. Hatten diesen Löwen, wir. Und für meinen Opa war Adolf nur der Mistkerl.
So wie, wenn ich einen großen weißen BMW irgendwo sehe, dann denke ich: ist einer von da unten.
Besagte Freundin ist fränkisch oder kurz: südländisch stürmisch, was ja mitunter angenehm aufheizt, im Falle von Wutanfällen aber Nerven reißt. Sie erträgt es etwa nicht, wenn ich, wie immer, erstmal ein Käffchen trinken will. „Du mit deinem Scheiß-Käffchen!“, schreit sie dann. Wir im Norden haben die Dinge eben gern ein bisken kleiner.
Da unten macht man Ferien in einer Hütte am Waldrand mit Burgrest auf Felsnadel in Wichsenstein und stirbt nachts vor Angst, so naturnah sind die.
Einmal wohne ich auch mit einem aus Saarbrücken zusammen. Der blockiert den ganzen Tag die Küche und verfolgt mich dann einen Abend lang mit seiner Rehpastete, so dass ich nicht in Ruhe meine Fünfminutenterrine anrichten kann.
Also ich bitte, wenn mich wer „Wessi“ nennt, solche anthropologischen oder Kulturunterschiede nicht zu überspringen.
Wenn mich einer fragt, was ich so bin oder mache, antworte ich gern: ich bin grad Lehrer oder Siebdruckhelfer oder was ich da eben: gerade! so mache. Einen Monat lang, ein Jahr oder fünf. Es könnte, heißt das, auch etwas andres sein und das, was ich selbst nun wäre, stünde dabei immer noch nicht da. Vielleicht später einmal.
Es gibt aber Sätze, in welche das Wort „gerade“ nicht zu passen scheint. „Ich bin grade Westfale“, hätte ja etwas Stutzigmachendes oder Aufstörendes. Manches hängt uns eben an oder besser inne und da können wir nicht viel tun, denken wir.
Ich bin nun der Sohn einer geborenen Prinzessin von Kalveswinkel. Das Bedürfnis, irgendwo zu erscheinen oder mich bemerklich zu machen oder was zu werden, ist mir daher fremd. Ich bin, was, wer und wie ich bin. In jedem Fall ist das ganz recht, wie es ist.
Meine Mutter war eine Prinzessin ohne Land, wie das so geht im Westwestfälischen, wenn der Reichtum zwar groß ist, der Letzt- oder Viertgeborenen aber eigentlich nichts davon hinterlassen werden kann als die Hochnäsigkeit, weshalb der Prinzessinnensohn dann, also ich, am Ende nichts übrighat als die Hände in den Taschen und eine leichte Enttäuschung darüber, wie er in der Welt so dastehe.
Es gäbe da ja, hätte auch Tante Mia anführen können, immerhin ein Buch drüber, über uns also, mit Auszügen aus Kirchenbüchern. Der erste Eintrag aus dem Jahre 900, ein unleserlicher Krakel. Was denn auch? Da gab es im Dorf noch gar keine Kirche und schreiben konnte doch sicher auch keiner. Wird einer durchgeritten sein, Liste gemacht? Kritzel hin. Immerhin, da oder besser hier, auf diesem Stück Land, war jemand lange vor uns einer von uns gewesen, scheints.
Im Kirchenbuch von Handorp, habe ich gelesen, werdet ihr, werden wir erwähnt. Ihr habt, wir haben im Jahre 1312 dort drei Schweine besessen, wenn wir dem Schreiber glauben wollen. Da standet ihr, ich stelle mir vor: Vorvater und Vormutter, irgendwo auf einer endlosen Wiese, mit euren drei Schweinen. Es regnet.
Wenn man zur Welt kommt, hat man naturgemäß vieles hinter sich.
jedenfalls hat euch, also uns niemand enteignet. Mein Cousin wird das Land an große Firmen verkaufen und den Hof an einen Chefarzt oder auch zwei oder drei davon.
Bin in Münster geboren und nicht im Hinundher. Umzüge, Vaters Karriere später.
Angenommen: Es kriege einer die Dinge nicht recht auseinander und wer, wie, was er, der sei: „ich“, das schon gar nicht. Käme wieder einmal vorbei, auf dem Hof in Münster, und Tante Mia sähe ihn streng an, während er in die von ihr dick mit Butter bestrichene Schinkenstulle bisse, und nickte ihm zu: „Du bist einer von uns!“, auch wenn er in zwanzig Jahren in der Ferne so etwas Ausländisches angenommen hätte. Käme der nicht erst recht durcheinander? Wir, wer, wie „uns“?
„Einer von!“, in Westfalen am reich gedeckten Bauerntisch, in Westwestfalen, um genau zu sein, denn das tünselige, so nannte das einer, Ostwestfalen ist ja eine ganz andere Geschichte. Westwestfalen ist ein plattes Land, in dem es an Butter und Schinken niemals mangelt.
Sagen wir, der unsere fühlte sich tatsächlich nur recht behaglich, wo das Land flach ist, wo er daher laufen oder fahren könnte, immer geradeaus, immer weiter, und sähe, dass da in Richtung Unendlichkeit nichts Überraschendes mehr kommen könnte. Immerhin aber Weiden, Wäldchen, Felder, Kühe, ein Hof hier oder da und dann nochmal von vorn, wieder und wieder.
Berge beunruhigen ihn, das ist etwas Westwestfälisches.
In der großen Stadt hier, wenn da die Straßenbahn mit einem tiefen Grollen herankommt, zuckt er jedes Mal zusammen, weil er ein Gewitter hört. Mit sowas spaßt man nicht, fühlt er. Er macht, wenn es donnert, tatsächlich sofort die Fenster zu, sitzt drinnen und wartet respektvoll ab, bis es für längere Zeit ruhig und der Himmel wieder blau ist, was nun, seiner Mutter zufolge, daran liege, dass auch sie das so mache, die nämlich als kleines Mädchen auf dem Hof bei Blitz und Donner mit ihrer Großmutter, ihren drei Schwestern und allen weiblichen Dienstboten in der Mitte des Zimmers im Kreis knien und Rosenkränze habe beten müssen, bis das endlich geholfen habe und der bedrohliche Spuk verflogen sei, der Hof also diesmal nicht, wie in den vorangegangenen hundert Jahren zweimal, abgebrannt war.
Stadtkinder kennen dies Zittern und Beben bei Gewittern nicht. Die laufen auch unter Donnerwolken in den Park und lassen sich vom Blitz erschlagen. Bitte schön! Etwa auch Folgendes wäre zu beachten: Der unsere denkt, hört er die Bestellung: „Hafermilch“, an brüllende Kühe, die gemolken werden wollen. Aber nun, wer sähe ein Landkind in einem, der als Kind in der Molkenstube, von einer Cousine gestupst, ins kalte Wasserbecken gefallen, oder der, den andern hinterher, im Schweinekoben gerutscht und im Schweinedreck gelandet wäre?
Jedenfalls kein Bauer! Bauernlümmel? „Bauerntrampel!“ zischte Tante Betty, die Krankenschwester, als die kleinere Cousine auf dem Weg stolperte. Alles so von Bauernkinder zu Bauernkind gesagt oder gezischt, so dass einer bald auch hier nicht mehr weiß, wer nun was.
Einmal hat er, da war er sieben, wirklich mit Mama auf dem alten Hof der Familie gelebt, bei Oma, Onkel Paul und Tante Mia. Vom Sommer bis nach Weihnachten war er dort, sechs oder sieben Monate. Er lernte melken, Rüben ernten, Strohballen aufschneiden und im Stall verteilen, sogar Traktor fahren, Yeeow! immer geradeaus mit dem Pflug. Er führte lange Gespräche mit Herbert, dem Knecht, wie er hieß. In eine Schule ging er in diesen Monaten nicht. Das scheint aber auch niemanden weiter gestört zu haben und dass ihm später etwas gefehlt hätte, will er nicht behaupten.
Dann das. Sie waren auf dem Feld, ich glaube, Rüben ernten, Runkelrüben (mit der Gabel aufspießen und hoch! auf dem Anhänger ablegen), doch plötzlich fühlte er einen gewissen Druck im Unterleib. Er musste ein Klo finden und die gab es nur im Hause. Der Gedanke, sich schleunigst hinter den nächsten Busch zu hocken, kam dem Stadtkind nicht. Er lief also, und das Haus war weit, weit weg. Kurz vor dem Ziel geschah das Malheur. Im Nu standet ihr beiden neben ihm, seine grinsenden Cousinen. "Eingeschissen!" lautete eure Diagnose. Seine Mutter steckte ihn in die Badewanne. Durch die verschlossene Tür hörte er euch kichern. Ihr balgtet euch um den Vorzugsplatz am Schlüsselloch. Der Cousin war eben einfach eine Pflaume. In Westernfilmen habe ich ihn und euch wiedergefunden. Der junge Mann aus dem Osten, über den sich die richtigen Cowboys kaputtlachen. Solche Filme guckt heute aber niemand mehr. Da hat sich etwas verschoben, nehme ich an, und zwar zu eurem Nachteil. Ich nehme das als späte Rache.
Man denkt sich das nett, das Landleben. Im Winter gemütlich mit Herdfeuer, im Herbst rotgoldbraun, im Sommer leuchtend.
Meine Cousins werfen gackernd Einwegfeuerzeuge in die Flammen des Herdfeuers. Sie hatten die gesammelt und jetzt folgte ein Ploff dem anderen.
Golden glänzen die Felder in der Sonne, im Winde wiegen sich die Ähren. Da mittendrin sitzt, weiß ich, die grimme Frau. Ihr Mantel ist blau, ihr Haar ist blond wie das Korn. Schnell, wissen wir, schießt sie hinter den Kindern her, die da vielleicht durchs Feld laufen und, sorglos oder frech, die goldnen Ähren niedertrampeln, das Korn für unser täglich Brot. Wie der Blitz ist sie da, greift zu und verschlingt den dreisten Knaben. Lief ich hinter anderen, weil es nicht anders ging, ins Feld, durchs Feld, durchs hohe Korn, spürte ich sie, ihren warmen, staubigen Atem, ihre Klauen sich ausstrecken nach mir. Dann konnte ich in letzter Sekunde hinausspringen aus dem Reich der Gefahr, flog mit einem Satz auf den sicheren Weg. Von dort schaute ich noch einmal zurück nach ihr, der Roggenmuhme, die aber schon verschwunden war, und lief schnell weg.
Hühnergackern, Angst, Misthaufen, Hundebellen, Angst, Abendglück: träge in den Stall ziehende Kühe, von uns Kindern mit ein paar Zweigen getrieben. Kacken auf den Feldweg. Sieht aus wie Spinat.
Weiß noch: Als wir über die schmale Straße näherkommen, schwarzer Rauch: die Stoppelfelder stehen in Flammen. Ganz weit hinten steht links einer mit Flammenwerfern, rechts noch einer. Als wir schon beim Kuchen sitzen, kommen sie dazu. Es sind meine Cousins, nicht viel älter als ich, schwarz im Gesicht, die uns stumm begrüßen und gleich wieder verschwinden. Helden sind nicht gesprächig. „Da musst du aufpassen mit der Windrichtung!“ erklärt mir jemand. „Sonst geht es dir schlecht!“ Später höre ich in der Schule, dass das Schrölen oder Abflämmen der Felder ein Unsinn sei, glaube das aber nicht.
Bauern: Groß und schwer, gehen langsam, während beim ersten Schritt die linke Seite etwas absinkt, beim zweiten der rechte, und die Arme leicht schlenkern. Die Niederländer gehen wie nachlässig, ohne Spannung im Körper. Bauern ganz aus dem Osten hingegen, Polen: mit mehr Fett auf den Rippen, mit starken Armen: gerade halten! Bauch raus! kleiner, Kinnlade vor, grimmig! kommen in kurzen energischen Schritten voran. Alles ist gespannt, Denn, sagen sie, ich habe einen gefragt, alle anderen sind meine Feinde. Mein Cousin hingegen hat auf seinem westfälischen Quadratkilometer keine Feinde und keine Angst, vor nichts und niemandem. Der geht so schlendrig wie ein Holländer, nur nicht so breit und von 40 Jahren Feld- und Stallarbeit leicht verzogen.
Zwischen Westfalen und Polen aber?
Landkind ist Landkind, nehme ich an. West oder Ost. Könnte mich da aber auch irren.
Bei mir macht sich als Kind erst die Lunge recht sehr bemerkbar, so dass ich drei- oder viermal im Jahr das Bett hüten darf, wo ich öfters mich ersticken fühle, bis meine Mutter mich mit etwas einreibt, was nach Menthol riecht, und mich in warme Handtücher einwickelt, so dass sich der Atem nach und nach beruhigt. Damit ist es dann ab dreizehn vorbei.
Woher ich das habe, weiß ich auch nicht. Wohnen ein Jahr in Rheinhausen, Ruhrpott. Wenn es auf dem Heimweg anfängt zu stinken, weiß ich, dass wir fast wieder zu Hause sind. Mutter klagt, dass sie die Wäsche nicht raushängen kann. Ist es das? Wie Wessi ist das?
Im Schwimmbad kräht mal einer: „Du hast ja eine Hühnerbrust!“ Trichterbrust nennt der Arzt das.
Geblieben ist außerdem, dass ich an Orten, an denen die Luft zum Atmen fehlt, weil diese Orte eben so sind, vielleicht sein müssen, ich weiß es ja nicht, also dass ich da unruhig werde. Also in der Schule oder im Büro.
Vier Wände, eine mit Fenstern. Leute drin, um dich rum. Dazu jemand, der dir sagt, was du tun sollst. Dem du zuhören und Antwort geben musst. Da japst es in dir und du willst weg. So ist das. Fühlst dich ersticken. Das ist deine Lunge, die kriegt da Erinnerungen.
Es ist gut, dass meine Schule oder dergleichen nur bis zwölf Uhr dreißig dauert oder bis eins. Besser gesagt: Auf diese Weise werden diese vier Wände mit Leuten drumrum und einem dazu halbwegs erträglich. Unsere Nachmittage sind frei.
In Italien erlebe ich, wie Eltern ihre Kinder bis 17 Uhr oder bis 19 in der Schule lassen, weil die Italiener Kinder so sehr lieben, dass sie sie abends vor dem Fernseher richtig herzen wollen. Anderwärts wird nachmittags gepfadfindert oder thälmanniert oder was die sich so ausdenken, weil die Kinder an wichtigen und großen Dingen beteiligt oder auf solche vorbereitet werden sollen, statt wie unsereiner am Baggerloch zu sitzen und den Kaulquappen zuzuschauen. Kleines ist für sich doch gern schon groß genug.
Ich schleiche in diesen Schulfluren und -zimmern herum und hoffe immer, in der Pause und in der Stunde und noch zu Hause am Nachmittag, dass mich keiner erwischt, mir niemand dahinterkommt.
Weiß nichts, lerne wenig, bringe nichts mit und nichts wieder nach Hause. Meine Schultasche ist eine Plastiktüte mit einem Kuli und ein paar losen Blättern. Deutschlehrerin siehts: „Du glaubst doch nicht, dass ich dir das positiv anrechne?” „Nö.“
Ein entsetzter Kunstlehrer spricht es einmal aus: „Was willst du eigentlich hier?“ Ja, was will ich? Irgendwie lernen, aber doch nicht da, nicht das, nicht mit denen und nicht so. Aber drinbleiben will ich auch. Will lesen und vielleicht auch was schreiben. Brauche Zeit. Zeit schinden, das ist es. Bevor die Werkstatt-, die Bürofalle zuschlägt und du versumpfst wie die Eltern.
Jack und Ali und Thorsten und Manni, ihr fallt raus. Macht eine Lehre. Heizungsinstallateur oder Drucker oder Tischler. Ich weiß es gar nicht. Bleibt wohl kleben auf ewig irgendwo im Dunkel der Eigenheime zwischen Bielefeld-Heepen, Hillegossen hinter Heepen, Leopoldshöhe, Holzhausen. Seid rausgerutscht aus unserer Lichtbahn, die zum Abitur führt, in die Welt.
Bommi Baumann hatte ja in seinem Buch erzählt, wie das ist. Als Betonbauer morgens auf den Laster steigen und denken: „Das wirst du jetzt fünfzig Jahre lang machen!“
Warum kippt ihr über den Rand und wir bleiben drin? Sicher ist es keine Frage der Intelligenz. Wiggi und der A und die B, alle drei Lehrerkinder, die drei Streber und Klassenbesten, die sind gewiss nicht klüger als ihr. Also die B vielleicht. Aber was ist mit euch? Seid ihr zu faul? Aber doch nicht fauler als ich.
Mich kriegen die ja auch und ich muss ein Jahr wiederholen. Darf aber die Klasse wechseln, weg vom Hermann und schaffe es, Glück im Spiel, bis zum Ende.
Antje, nun, die kriegt mit fünfzehn ein Kind und verschwindet mit ihrem Mann in Baumheide, wo keiner von uns je hinkommt.
Ihr dagegen seid einfach rausgefallen und weg.
Es gibt bei diesem Drinbleiben oder Rausfallen nichts zu erzählen. Es geschieht einfach.
Umgekehrt schießen wenige von uns wie aus einem Durchlauferhitzer durchs Abitur in die Höhe, wo sie erst viel später irgendwo landen, wo ich nicht hinsehe. Ich kenne eine Archivdirektorin, einen Professor und gar einen Schweizer CEO aus ihrer Jugend, habe sie aber oder besser sie haben mich aus den Augen verloren, weil ich in einer unsichtbaren Mitte ohne Aussicht hängengeblieben bin. Denke ich zurück, sehe ich zielstrebige Menschen mit Rückhalt in ihrer nicht unbemittelten Familie. Diese drei Faktoren müssen zusammenkommen, während mir die Zielstrebigkeit eher abgeht und meine Familie, nun, mir eben noch mein Studium mal mehr, mal weniger finanziert hat, darüber aber nie hinausgegangen wäre.
Vom Rausch gezogen Richtung Tod die einen, rausgeflogen ins Nichts ihr anderen, dann einige hoch hinaus: ohne besonderen Grund. Senza un perché, wie Nada singt. Ist das die Westerfahrung?
Könnten uns alle geteilt sehen in sechs Gruppen:
die von der oberen Mitte nach oben
die von der oberen Mitte in die obere Mitte
die, die weg sind
die von unten, die da bleiben
die von der mittleren Mitte, welche in der Mitte
die von der unteren Mitte in die obere Mitte
So könnten wir unsere Lebenspfade gut zusammenfassen. Unser Gesellschaftsroman müsste
von Momenten erzählen, in denen wir einander begegnen. Wir noch im Kindergarten und in
der Schule, immerhin. Das wird sich ja ändern und die sechste Gruppe wird es dann
nicht mehr geben. Nach der Schule treffen wir uns, wenn wir einander brauchen. Die
von ganz oben benötigt mal einen Lehrer oder einen Architekten. Der Lehrer braucht
eine Klempnerin und die redet beim Finanzamt mit einem Sachbearbeiter, mittlerer
Dienst, und wir malen uns aus, wie im Finanzamt, Aug in Aug, über den Schreibtisch
hinweg die Liebe erblüht, obwohl er verheiratet ist mit einer Sachbearbeiterin, mit
der er drei Kinder hat. Tänze zwischen Aktenschränken, heimliche Ausflüge, wilde
Liebesnächte im Vier-Sterne-Hotel, beim Turtelfrühstück steht da auf einmal die
Mutter mit ihren drei Kindern. Bum-Bum-Bum.
Das passiert aber nicht. Es steht alles fest bei uns und sieht nur so aus, als wärs in Bewegung.
Macht sich auch im Möwenweg ein neues Organ bemerkbar. Kopf hoch, schaut sich um.
Die junge Nachbarin mit den schwarzen Locken. War Fotomodell gewesen, sagt Mama. Kann nicht lange her sein. Mäht die große Eckhauswiese im roten Häkelbikinilein. Verschwindet um die Ecke und kommt wieder und wieder. Du bebst hinter schützender Gardine.Es beginnt ja mit dieser Phase, in welcher, wie ein Freund von mir sagt, du auch die Heizkörper bespringst, außer im Winter. Es endet, wenn du als sabbernder alter Sack auf Pos und Brüste glotzt, die dich nichts mehr angehen, und nur hoffen kannst, dass keiner deine Blicke bemerkt. Im Einzelnen?
Richtung Osten würde ich dazu gern Folgendes vortragen:
„Es ist ja wahr:
Im Schreibtisch meines Vaters fand ich
Während ihr Ostjungs über eurem handlichen Magazin zugange wart
Stapel mit bunten Heften aus Amerika
Schweigsames Fleisch
Musste es nicht bei der hübschen Christel versuchen, war ja echt zu doof
Tat es mit Miss Juni, Miss Juli, Miss August
Mit dem Pet of the Year
Lief entschärft herum
Und las
Mit siebzehn Adorno“.
Dann richtig
„Wie die geschminkt ist!“, kräht eine, als sie deine erste sieht
Richtig schön ist die und riecht nach Patchouli und ihre große Schwester hat
studiert in Frankfurt bei Ernst Bloch bis zum Ende, Beerdigung und Rudi Dutschke war auch da
Du riechst nach Patchouli
„Wie die geschminkt ist!“, kräht die von eben, als sie deine zweite sieht
Richtig schön, mit teurem französischen Kram und zeigt dir das KaDeWe
In den Mund nimmt sie ihn und ihre Hände arbeiten an dir und an sich selbst
Nicht geschminkt, die dritte
Willst ja was Neues, wie?
Hilft in einem selbstverwalteten Bioladen aus und macht Gruppentherapie bei einer Sanyasin
und da gibt es nur Natur
Nicht solche Kopfsachen, sagt sie
Die wohnt in einer Fabriketage, da haben sie alte Fensterrahmen zusammengenagelt statt Mauern
einzuziehen. Glas trennt. Da gucken dir alle zu
Hat dann auch so ihre Geschichten, die. Alles Natur
Geht nicht lange
Kopf hoch, schaut sich um
Das mit den Fenstern in Westberlin, im Hinterhof, das ist ja so:
Keiner hat Gardinen. Die von gegenüber springt nackt am Fenster rum
Da darfst du nicht aufschauen
Eine hat ein hohes Bett am Fenster. Jeden Abend um zehn: Spot an, krabbelt Richtung
Fenster aufs Bett, zieht Pulli übern Kopf. Volle Brüste fallen ins Licht
Da darfst du nicht aufschauen
Wie in der Hasenheide. Liegen da, Titten in der Sonne
Da darfst du nicht hinschauen. Nur so vorbeisehn
Ein Türkenopa kriegt das nicht hin. Kann es ja nicht fassen. Steht da mit Fotoapparat
Verpiss dich, alter Spanner!
Westberlin schwierig für Fremde
Unsre Männerschweinigkeit blitzt uns aus den Augen
Die vor dir im Seminar trägt nur ein buntes geripptes Tanktop über ihren strammen Titten
Christels schaukeln unter Spaghettiträgerhemdchen
Schau weg, Mann!
Zweite Rede Richtung Osten:
„Stand immer gleich wieder vor der Mauer
Sie verlassen den amerikanischen Sektor
So ein Schild abmontiert nachts in Neukölln, heimgetragen
Unsereiner stand auch am Nollendorfplatz und hat oben unter grauem Himmel
Da oben die gelbe Bahn langsam im Bogen ausfahren sehn
Sich frei gefühlt einen Augenblick lang
Dreihundert Meter weiter war die Peepshow
Nackte Frau auf Drehscheibe
Lacht laut auf: Heut wieder nur Wichser hier!
Wir nicken
In neun Kabinen deinesgleichen
Erleichterungsinstitut
Runterholen, runterkommen für ein paar Mark
Bei uns. Und ihr?
Was habt ihr gemacht bei Ärger mit der Freundin?
Die hatte was mit einem
Gefickt hat die mit dem!
Das muss doch möglich sein, hat sie gesagt
So etwas
Kam doch vor, oder?
Du ranntest raus, Türwumms und was?
Habe in einem Film gesehen
Wie einer nach so einem Streit zu einer Nutte rennt
Standen ja am Kudamm zwischen den Glaskästen mit den teuren Sachen
„Komm doch!“, sagten die so lieb. „Mensch, fünfzig Mark hast du doch!“
Hatt ich nicht, und
Der im Film liegt dann da und kriegt ihn nicht hoch
Muss man mit rechnen
Also
Ihr habt was? Euch zugesoffen?
Eine angemacht im Club?
Kein bisschen nervös dabei?
Bläschen, Brennen, Heim riskiert? Sie, du weniger
Aber laute Auftritte? Begegnungen? Schamröte?
Frage ja nur“.
Westkultur?
Frauen entzünden sich am Männeraug
Magisterinnenarbeiten: qualitative Interviews mit Peepshowfrauen
Glotz- oder Wichsgeschädigt
Männerblick!
Peepshows verschwinden.
Ungesehen
Blutjunge Bulgarin im Puff
Zwei Seiten Anzeigen in der BZ
Behaarte Polin
Wohnungen für Modelle
Ist so, weiß jede
schreibt keine.
Das ist unsere Welt,
Reinhold geht ein Heftchen kaufen am Kiosk.
Hat Angst, da könne plötzlich so eine neue Frau neben ihm stehen und ihn zur Sau machen.
Schwitzkasten. Meinen Hals in der Armbeuge, meinen Kopf gegen seine Brust, hält er mich eingeklammert und dreht sich mit mir durch die Klasse. „Wenn ich zudrücke!“, schreit er lachend, „dann erstickst du!“ Andre würden hinten rum auf seinen Rücken schlagen, ich versuche, mit den Händen seinen Arm zu lösen. Zwecklos. Nach drei, vier Drehungen sieht niemand mehr zu. Er lässt mich los und lacht. „Alles klar?“ Ja. Ich schleiche mich an meinen Platz.
Zu Hause im Möwenweg bist du vor sowas ziemlich sicher.
Vor dem Schultor Sonnengegenlicht, Staubflimmern, Gebrüll. Ein großer Kreis hat sich da auf der Straße gebildet. Gehen nicht nach Hause? „Hubert! Hubert!“ Der liegt mit Karl auf der Straße, sie drehen und wälzen sich und heben immer wieder einen Arm zum Schlag. „Bis aufs Blut!“, sagt einer anerkennend. Das meinten sie, wenn sie „Wir sehen uns nach der Schule!“ sagten. Sehe zu, dass ich weiterkomme.
Kommt einer aus dem Dorf dahin, wo Micha und ich vor unsern Garagen spielen.
Größer als wir und nicht von unsrer Schule. Kommt auf uns zu.
„Kennst du den?“ Micha schüttelt den Kopf.
Der Fremde baut sich vor mir auf, Arme verschränkt. „Was guckst du so läpsch?“
Was? „Was meinst du?“
„Läpsch. Du guckst läpsch!“
Er hebt die rechte.
„Was ist läpsch?“, frage ich.
Er schlägt mir ins Gesicht.
Micha macht einen Schritt zur Seite.
„Läpsch!“
Noch ein Schlag.
Stehe ratlos da.
Tritt mich vors Schienenbein. „Los! Wehr dich!“
Ich tue nichts. Was soll das? Ich hebe einen Arm vors Gesicht.
Greift meinen Arm, dreht ihn um. Noch ein Schlag, noch ein Tritt. „Wehr dich!“
Nein.
Schlag. Schlag. Tritt.
Micha sieht zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich sehe ihn an. Schaut weg.
Schlag. Tritt. Schlag. Schubst mich gegen die Wand. Schlag.
„Bist echt läpsch!“, spuckt der Fremde aus und verschwindet im nichts.
Micha kommt wieder näher.
„Warum hast du mir nicht geholfen?“, will ich wissen.
„Das geht Mann gegen Mann!“.
Mutter hat Besuch. Sie ruft mich ins Wohnzimmer, als ich ins Haus komme.
Ich bleibe in der Tür stehen.
Sie besteht darauf, dass ich näherkomme. Die Frauen mustern mich.
„Wie siehst du denn aus?“
Schaue zu Boden.
„Ja, bist du verprügelt worden?“ Lachen die?
Sage nichts.
„Na, dann wirst du bald mal einen Judokurs machen!“
Nein. Will ich nicht, werde ich nicht. Will nur weg.
2005 oder so erscheint ein beunruhigter Artikel im „Spiegel“: Eine Psychologin hatte herausgefunden, dass es jetzt auch an der Grundschule Mobbing und Gewalt gebe. Wo mag die zur Schule gegangen sein, dass die sich wundert?
Als ich endlich aufs Gymnasium komme, denke ich: „Keine Schläge mehr!“ Fast richtig.
Groß und drahtig, in Schwarz auch die Lederhandschuhe, die er in der rechten Hand
trägt. Energisch schreitet er durch die Reihen. Im Vorbeigehen schlägt er mir die
Herrenhandschuhe ins Gesicht. Lacht.
„Eh!“, ich drehe mich zu ihm um.
„Der Herrenmensch!“, knurrt er und setzt sich.
Herrenmensch ist Repetent, wie unser Lehrer das nennt, und verschwindet bald.
„Milchi!“ Der Schlag trifft dich von schräg oben auf den Rücken. Sprotte ist einen Kopf größer, Körperbau eher schwabbelig, aber schwerer und stärker als du ist er allemal. Du musst springen, um die Wucht des Schlags abzufangen. Lumpi gackert. Einmal täglich.
Das hört irgendwann auf. Die sind dann alle weg.
Später, in Westberlin, da laufen Teddyboys und Skins herum in Gruppen und deine Haare sind zu lang. Immer die nächsten hundert Meter abchecken auf dem Bürgersteig, gegebenenfalls zügig die Seite wechseln. Du hast doch gelernt, Ärger aus dem Weg zu gehen?
Dein Nachbar im Hinterhaus in der Gneisenaustraße presst dich mit dem Arm am Hals gegen die Wand. Holt aus. Nachbarin taucht auf. Er lässt dich gehen. Der geht dann sechs Monate in den Knast, weil er zwei Polizisten zusammengeschlagen hatte. So lange bist du sicher.
U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz vermeiden. Da Skins haben die einen BVGler zu Boden geschlagen und dann totgetreten.
Mann gegen Mann? Bei den Kinderschlägereien, vor allem zwischen Jungs, gab es Regeln. Treten, an den Haaren ziehen, drei gegen einen: so was machten nur Mädchen.
Wenn einer von zwein Stimme und Faust hebt voll Wut, formt sich in Deutschland ein Kreis um die beiden, die sich dann vor ihrem Publikum prügeln. In Italien, erlebe ich später, halten die Umstehenden den Erregten fest und hindern ihn, der immer noch lauter schreit, am Kampf. Mordstheater, aber keine Schläge. Irgendwann beruhigt er sich.
Mann gegen Mann ging das bei uns.
Drinnen dröhnts.
Häuschen, Vorgärten in langer Reihe, Straße, Gehweg, Telefonzelle, Briefkasten, Bushaltestelle. Morgens und abends kurz Autos. Ruhe. Drinnen in den Häuschen aber:
Im Wohnzimmer Papas dunkle Holzkommode
Glasklarer Gin aus England!
Martini, Drambuie aus Frankreich?
Rum kommt aus Cuba!
Calvados: die Flasche, mit Leder bespannt, hat einen schrägen langen Hals
Feldflasche! Feuerwasser für die Hirten irgendwo?
Chivas, aus Schottland, zwölf Jahre alt
Der ist älter als ich
Auf der Kommode im Wohnzimmer
Auch Wodka aus Russland oder Finnland
Papa säuft zu viel
Dreht dann Musik auf in der Nacht
Dröhnung dringt zum Nachbarn!
Mama verdünnt Wodka mit Wasser
Papa legt Wodka ins Eisfach
Verdünnter Wodka friert ein, Flasche platzt
Papa säuft zu viel
Mamas Abendflasche Sekt
Mamas Abendflaschen Sekt
Lexowas dazu
Erst eins, dann drei, dann fünf
Sonntag nachmittags muss ich Bier holen
Nachschub
Im Braker Krug, gleich an der Ecke
Holz, Rauch, keine Gäste, alles dunkel
Ein lächelndes spätes Mädchen mit Dutt gibt mir die fünf Flaschen
Drückt die blassen dicken Beine durch beim Stehen
Holzpantinen
Ihre zahnlosen Eltern sitzen im Licht am Tisch und grinsen breit
Bonbon?
Nehms. Danke. Schnell weg.
In der Woche die leeren Flaschen zum Edeka bringen
„Aber klapper nicht so!“, gibt mir Mama auf
Drei Dinge braucht der Mann. Das erste ist Alk. Das zweite sind die Zigaretten. Wenn
die alle sind, dann schleicht Papa abends in mein Zimmer und fischt mit Pinzette und
Geklapper Kleingeld aus meiner Spardose. Für den Zigarettenautomaten.
„Kriegst es ja
wieder!“, sagt er, als ich aufwache.
Was ist das dritte, was er braucht?
Weiter hinten im Dorf, an Kaiser’s vorbei, da gibt es einen zweiten, kleineren
Lebensmittelladen. Papa schickt mich hin. Ich soll gleich zur Kasse gehen und da nach
einer Packung Tabletten fragen.
Die haben doch keine Tabletten!
Doch, doch, frag nur an der Kasse.
Woher kennt Papa wohl den Laden?
Es ist was mit Th am Anfang. Kopfschmerztablette. Da ist Acetylsalicylsäure mit Paracetamol drin und auch Koffein, wie ich heute weiß.
Später wohnen wir in einem Dorf, nein: einem Stadtrandetwas mit Apotheke. Wenn er mich dahin schickt, will er wieder diese Tabletten, aber nun die Klinikpackung. Da sind 100 Stück drin.
Lexowas für Mama, Thomdings für Papa. Alk drauf.
Reihenhausdröhnung.
Am 16. Januar klingelt um zwei Uhr morgens das Telefon. Es ist meine Mutter. Meine kleine Schwester ist tot. Sie hatte, wie uns der Arzt nach der Obduktion erklärt, seit Jahren Schnüffelstoffe, Verdünner missbraucht, bis Hirn und Herz nicht mehr mitmachten. Niemand von uns hatte etwas davon bemerkt. Sie war zwar zunehmend verlottert und ihre Wohnung, nachdem sie aus der ersten herausgeflogen war und mein Vater ihr eine gekauft hatte, sah aus und roch wie eine Mülldeponie. Also Drogen? Ja. Solche, die man im Supermarkt kauft.
Kommt vor.
Hatte angefangen: Während für mich die Entscheidung fürs Gymnasium noch gegen den Widerstand meiner Mutter hatte getroffen werden müssen, ich wollte da einfach hin, war meine vier Jahre jüngere Schwester wie von selbst dorthin geschickt worden, wo sie nicht hingehörte. Es schien mit einem Mal gar nichts anderes mehr in Frage zu kommen.
Erben würden wir nichts, nicht einmal so ein schwer verkäufliches Reihenhaus irgendwo am Rande der Welt. Wir würden alles von uns aus leisten müssen, mussten also möglichst hoch hinaus.
Mein Vater hatte es noch mit Höherer Handelsschule und Lehre zum Obermanager schaffen können oder was er war, sein Vater war mit Volksschulabschluss Revisor geworden. Wir würden mehr auf den Tisch legen müssen. Schon jetzt wurden dem Vater in der Firma immer wieder Studierte bei- oder vorgesetzt. Milchbubis, Nichtskönner, arrogante Schnösel.
Meine Schwester ist, wie eigentlich auch alle wussten, einfach etwas langsamer. Zudem landet sie bei demselben Klassenlehrer, der schon mich hatte fertig machen wollen, weil ich immer renitent war, wie er das nannte. Er begrüßt sie grinsend mit den Worten: „Deinen Bruder kenne ich gut. Sehr gut.“
Unsere Eltern kommen nicht auf den Gedanken, Nachhilfe zu bezahlen. Vater findet so etwas unwürdig. Was man schafft, schafft man von allein. Was nicht, das eben nicht. Mutter eher abwesend auf Lexowas.
Nach zwei Jahren ständigen Kampfes bleibt meine Schwester sitzen. Dann zum zweiten Mal und muss raus. Sie ist vierzehn. Mutter sucht Schule.
Realschule: „Na, Sie haben ja Mut, mit den Noten! Das wird nichts“
Hauptschule: „Gut, Aber einen Abschluss macht sie hier nicht mehr. Ist zu alt.“
So ist das. Gestern Gymnasiastin, morgen ohne Schulabschluss. Mutter findet dann eine
Reformschule bis sechzehn und Mittlere Reife.
Glücklich in dieser Schule. Fängt eine Lehre an.
Vater fragt: „Gut. Und was machst du nach fünf Uhr nachmittags?“
Sie schweigt.
Vaters Vorschlag: „Einen Englischkurs, hm?“
Meine Schwester bricht nach ein paar Monaten die Lehre ab. Geht einfach nicht mehr hin. Vater zahlt Privatschule, was mit Sprachen, und Ende.
Da fallen jede Menge Leute links und rechts aus unsrer Gymnasiastenwelt hinaus und verschwinden in uns unbekannte Schattenreiche.
Der Tag, als Conny Kramer starb. Blöder Schlager.
Party. Wir sitzen da und reden. Cat Stevens singt oder Jethro Tull. Ab und zu stehen zwei oder drei lachend auf und gehen vor die Tür. Die gehen rauchen. Aber warum nicht im Zimmer? Rauchen Dope, ist doch klar. Ich bin schockiert. Habe davon gehört. In der Schule gelernt, das sei schädlich für Frontallappen und Großhirnrinde. Die wissen das doch auch. Kommen gackernd wieder rein. Nicht mehr ansprechbar.
Ich meine, mein Zentralorgan ist das Hirn. Das einzige, was bei mir richtig geht, also fast. Wie kann einer? Wir haben doch sonst nichts, also fast nichts. Sie tun es. Einige bald jeden Tag. Zwei oder drei schon vor der Schule.
Ich habe ja Bücher über Chemie. Auch organische und eins über Drogen. Thorsten leiht sich das von mir. Bringt es mir grinsend wieder. Tolles Buch. Die Fäden habe er aus der Bananenschale gezogen und lasse sie grade trocknen. Wolle er noch heute rauchen, erklärt er.
Thorsten probiert Härteres. Kaufts hinter dem Peppermint. Kommt immer mal zwei, drei Tage nicht in die Schule und bleibt dann ganz weg.
Paul findet im Wald einen Fliegenpilz. Heißer Trip, sagt er. Noch ein paar davon, dann fallen ihm die Haare aus in Büscheln und er lässt es.
Christophs großer Bruder probiert Tollkirsche und demoliert danach die Wohnung der Eltern. Jetzt in der Klapse. Schule aus. Geht dann nach Christiania.
In Westberlin wohnt ein paar Tage Wolf bei uns. Beinamputiert. Krankenpfleger, zur Zeit Schnorrer auf dem Kudamm. Der sitzt im Helldunkel der einzigen Glühbirne und holt das ganze Zeug raus wie im Film. Zitrone, Löffel, Gummischlauch. Haste mal ein Feuerzeug? Köchelt im Löffelchen, zieht auf, setzt Spritze. Lehnt sich zurück und ist weg.
Registriert: 623 Tote im Jahr. Schnüffeln und so wird allerdings nicht registriert. Man will kein Aufheben machen.
Heroin, be the death of me
Gabi, du! Große Blauaugen, Schmollmund rot, Näschen drüber. Wie sanft schwingen deine Brüste im Hemdchen, wie musikalisch schaukelt dein Po! Ulrich versuchts bei dir und am nächsten Morgen gehst du zu deinem Junkie zurück, der dich wieder vermöbeln wird. Dann kommst du auch nicht mehr zur Schule.
Am Rande fallen also welche runter. Jens fährt mich nach Hause. Rast durchs Dorf, zeigt auf die rote Friedhofsmauer. „Is n Kumpel von mir gegengeknallt. Volle Pulle, sofort tot. Der war breit!“
Aus der Ferne begleitet der Tod, ein Straßenköter, unser Schülerleben. Wo er zuschlägt, sehen wir es nicht mehr. Solange nicht die eigene Schwester dran ist.
Wir waren in Bewegung. Oder etwa nicht?
Im Ratsgymnasium in der Stadt haben sie bessere Noten als wir. Drücken wohl gern mal ein Auge zu da, bei den Kindern aus gehobenen Kreisen. Löwenapothekerkinder, Textilkinder, die Kinder der Puddingfabrik! Da wird schonmal ein neues Labor finanziert, wenn bei einem die Versetzung gefährdet ist. Da gehen, wir haben einmal gemeinsamen Nachmittagsunterricht, so fönfrisierte Junge-Union-Typen hin. Von der letzten Bank sehen wir begeistert zu, wie einer dieser Heinis mit feuchtem offenen Mund dasitzt und den rechten Arm auf dem Tisch langsam rüberrutschen lässt, bis dieser zwischen Arm und Brust seiner Nachbarin liegt und Druckkontakt hat. So was Verklemmtes gibt es bei uns im Vorstadtgymnasium nicht. Wir sind die Neuen und frei und stark und würden diese Waschlappen wegschieben. Kommt dann wohl anders.
Ich meine: Unser Westdeutschland war ein Versprechen, mit dem wir Kinder aufgewachsen sind. Wir sollten aufstehen und unsere Meinung sagen ohne Angst. Uns würde, wenn wir nur intelligent wären und fleißig, die Welt offenstehen. War dann eher nicht so.
Die süße Christel hat sich mit einem blonden Schmollmundjüngling aus der Innenstadt zusammengetan. Doch seine Familie ist dagegen, denn sie ist Tochter eines Polizeiwachtmeisters, während er Spross eines Fabrikbesitzerclans ist. Er trennt sich bald von ihr. Wir andern hatten alle gedacht, so etwas gäbe es gar nicht mehr. Lange würde es sicher nicht bleiben.
Die vollbusige Karin besucht den Jan, den zappligen Klassenzweiten. Fummeln irgendwie und sowas. Mit achtzehn darf man, oder etwa nicht? Karin ist da auch nicht so. Jan aber, aus gutem Protestantenhause, führt Tagebuch. Mutter, gute Lutheranerin, liest das Tagebuch ihres Sohnes. Verbietet ihm den Umgang. Der hält sich daran. Wir andern hatten alle gedacht, so etwas gäbe es gar nicht mehr. Lange würde es gewiss nicht bleiben.
Die Klasse, der Jahrgang das sind ratternde Klatschmaschinen, das ist allerdings wahr. Kriegten ja auch nichts, was den Kopf sonst hätte füllen können.
In unserm Land gibt es also das Alte, aber wir stellen uns immer vor, dass das verschwinden würde. Schon aus biologischen Gründen. Kiesinger ist so alt wie mein Opa und der ist schon tot und die zählen alle nicht mehr und kommen weg.
Wir sind Kinder eines neuen Landes. Unsre Hauptstadt ist klein und bescheiden. Unser Kanzler hat um Vergebung gebeten. Unsre Schule wird benannt nach den Geschwistern Scholl. Wir besuchen einen ökumenischen Gottesdienst. Wir freuen uns auf die Olympiade in München. Das Stadion weit und grün geöffnet wie eine späte Blüte, ein schwingendes, leichtes, wie witziges Plastikdach darüber. Die Welt soll sehen, dass wir etwas Neues sind.
1972. Dann kommt die Mörderbande und wir kriegen das nicht hin. Blut durchs Fernsehn.
Der Club of Rome. Es wird nicht einfach weitergehen können. Das Neue wird kommen müssen. Ja, wirst sehen: Fünfzig Jahre später stellen die auf Elektroautos um und wieder zurück, als ob das etwas ändern würde. Ich meine, bei diesen Motorenwerken oder Wagenwerken oder Autowerken da sitzen Chefs, die haben ein Markenstudium von der LSE oder steht Stanford drauf. Aber nichts. Kommt kein Neues.
Wie früher: Stehst am Floßplatz, weil du die zwanzig Sekunden für die Fußgänger verpasst hast, und wartest, bis die Autos von vorne rechts vorbei sind und die Autos von vorne links vorbei sind und die von hinten nach rechts und die von hinten nach links. Dann hast du wieder zwanzig Sekunden. Ist einfach geblieben, wie es war.
1973 hatte es ja gegeben: Die Ölkrise. Sonntags in Freiheit Rad fahren können. Die Anker-Werke schließen. Die halbe Stadt ist arbeitslos. Bis dahin war die Zukunft als etwas Rosiges, Einladendes erschienen. Dann weniger.
Polizisten werden erschossen.
Gesucht werden Anarchistische Gewalttäter: Plakate mit Fotos beim Metzger.
Terror: Ponto wird ermordet, Buback wird ermordet. Schleyer: am ersten Tag der Entführung verliebst du dich. Am letzten, er wurde tot aufgefunden, erfährst du, dass das nichts wird mit der Liebe. Der andere war schneller gewesen, du zu ungeschickt beim Handausstrecken, Kopfvorneigen, Zuküssen, welches ja, wunderst du dich kurz, weiterhin von dir erwartet wird, einfach weil du männlichen Geschlechts bist, sein sollst und die Frau sowas nicht tut. Alte Welt.
Düsternis ringsum und Schwärze im Herzen.
In Bonn fahren kleine weiß-grüne Panzer herum. Bundestag abgesperrt. Kanzlervilla verdeckt jetzt. Polizei überall.
Anarchistische Gewalttäter: Plakate mit Fotos beim Metzger. Wenn sie einen gefangen haben, wird das Foto mit dem dicken Bleistift durchgeixt. Ist tot.
Kaufst im Buchladen mit den Rotbüchern, bist doch ins Nachdenken gekommen über
oben und unten, dir mal so einen schwarzen Stern zum Anstecken. Nicht geradezu
überzeugt, mehr gedankenprobehalber. Hast ihn dir angesteckt am nächsten Morgen.
Sie kommt, die Hände wie immer in den hinteren Hosentaschen:
„Bist du bescheuert?“ Wie?
„Da denken dann alle, du wärst für die Terroristen!“
Hat doch damit nichts zu tun? Steht aber da: Anarchistische Gewalttäter. Plakate
mit Fotos beim Metzger.
Du nimmst den Stern ab.
Quatsch, ja, aber du willst da nicht rein in diese Kiste.
Das liegt so in der Luft jetzt, dass man da leicht was falsch machen konnte.
Unser Mathe-Referendar hat die Prüfung bestanden, wird aber nicht eingestellt. Ist in der DKP, hören wir. Hören von anderen, die Schwierigkeiten haben, weil sie ihren 2CV in der Nähe einer Demonstration der Maoisten-Leninisten geparkt hatten. Also: Irgendwer läuft bei solchen Veranstaltungen, die doch anscheinend allen ganz egal sind, herum und schreibt Nummernschilder ab. Irgendwer sammelt Flugblätter und liest unsere Schülerzeitung und schreibt mit. Irgendwas lauert da draußen. Dass du nichts falsch machst. Beruhigend? Wir hatten ja immer gedacht, wir wären der Welt schnuppe.
Der zackige Chemiereferendar mit dem Bürstenschnitt ist nicht da heute?
„Weißt du es wirklich nicht?“, fragt mich sein Betreuer und wirft mir eine
Bildzeitung hin. „Reihenhaus in Altenhagen: Waffenlager ausgeräumt!“. Hatte da ein
paar Maschinenpistolen,, eine Kiste Handgranaten und sowas gesammelt, unser
Referendar.
„War mir gleich unheimlich gewesen“, ergänzt der Lehrer. „Hat die kaputte
Glühbirne im Treppenhaus einfach selbst ausgewechselt. Riesenleiter geholt und
rauf!“
War mal kein Linker.
Wir ziehen durchs Lauhaus, schleifen an Garstoff entlang, krabbeln auf dem Lahmgrat und wenn wir uns treffen, tauschen wir Tratsch. Draußen zieht sich dies und das zusammen, entlädt sich, kommt wieder?
Die offene neue Welt, in der wir groß zu werden glaubten, ist verschwunden.
Bertram Vesper: „Denn wie ich sind wir alle betrogen worden“.
Wir sitzen in der Schule, wo Heepen kreiselt, und dem Universum sind wir schnurz.
Ich gehe zur Schülerzeitung und schreibe immer längere Artikel, welche zwei Lehrer lesen. Schulterklopfen. Schließlich schreibe ich die ganze 64-Seiten-Zeitung selbst und provoziere Erwiderungen? Hm.
Für meine Gewissenskommission als Kriegsdienstverweigerer schreibe ich 24 Schreibmaschinenseiten als Begründung. Die haben die Opas, als ich dasitze, gar nicht einmal angeschaut, sondern lassen sie mich vorlesen. Dann stellen sie die üblichen zwei Fragen und schicken mich weg.
Bewerbe mich als Volontär bei der Neuen. Guggemos antworten, sie wollten da eine Frau nehmen, wegen der Gerechtigkeit.
Ich schreibe Leserbriefe an die Neue Westfälische.
Das Universum schweigt.
Stell mir nun vor, „Psst!“, auf einmal hätte da einer gestanden im grauen Nichts und hätte mich, „einfach, um ein wenig über Schule und Leben zu quatschen“, auf einen Kaffee eingeladen. Dem hätte ich alles erzählen können, Gedanken und das, was mir an Leuten und Lehrern seltsam vorgekommen wäre und was die Tratschmaschine mir zugetragen hätte. Gabi hat schon alles mal probiert. Robbi trägt einen großen Frauentraum zwischen den Beinen. Der dicke Bült ein toller Physiklehrer, leider verplempert hier. Der Fremde hätte Notizen gemacht. weil meine Erzählungen so interessant. Ob ich ihn noch mal treffen würde? Na klar. Stell ich mir so vor. So etwas Gemütliches. Meine ja nur, befürchte: IM zu werden sei das Natürlichste der Welt.
Dann unterschriebe ich was? Mitarbeit für eine Stange Zigaretten die Woche. Sollte ich jemandem schaden können mit meinen Erzählungen? Dass der Ulli sein Mofa frisier, kann jeder hören, und dass der Eiermann völlig neben der Kappe ist, das weiß auch jeder. Wir sind doch alle ganz unglaublich still und brav. Susi erzählt, ihr Opa habe gefragt, woher wir wissen wollten, dass wir nicht alle manipuliert sind wie er zu seiner Zeit. Das erzählen?
Kommt aber keiner zu mir. Fragt keiner was. Will keiner was wissen.
Später in Westberlin: 90 Quadratmeter mit Außenklo und kaputtem Allesbrenner.
Fällt mir ein: diese Tussi in Kamel steigt aus ihrem blauen BMW-Cabrio und sagt:
„Ach, Kreuzberg! Wirklich hübsch da!“
Bei mir also: Auf der aufgebockten Schreibtischplatte steht grau und wie aus amerikanischen Wolken hereingefallen die Kugelkopfmaschine. Die Perfektion des Schriftbilds hat ihren Preis. Wenn die Filmkassette alle ist, dann ist Feierabend und nichts geht mehr. Wenn sie dir den Strom abdrehen, übrigens auch nicht. Keine langsam, trotz stärkeren Anschlags blass werdenden, kein Verschwinden der Buchstaben.
Neue Filmkassette gekauft am Kudamm. Schreibe Gedichte mit Kugelkopf, Konkretes mit Hui! und Pratsch, wenn ich mich nicht irre. Frage an mich ist, so mit neunzehn: Soll ich nicht einfach, wenn mich doch jetzt fünf Jahre lang jemand aushält fürs Studium, in aller Heimlichkeit versuchen, Schriftsteller zu werden? Das Talent aber? Glück brauchste auch, nicht? Schließe dann, dass es besser sei, Zeugnisse zu erwerben.
Das Universum hätte mir Schriftsteller ein Ohr zugeneigt?
Will jetzt auch nicht verschweigen, dass ich in Schule und Uni insgesamt zwei Stück spätere Schriftsteller kennen gelernt habe. Zwei Stinkstiebel, wie sie einem zum Glück nicht leicht übern Weg laufen. Der eine schrieb lustige Stückchen über frühere Mitschüler, trötete Tratsch heraus, als Sprachrohr unserer alten Jahrgangsklatschmaschine, so über Hans Hüsli, den Streber, oder über die und die, welche mit ihren dicken Titten im Zauberkreuz den und den Lehrer verzauberte, und schrieb jedes Mal in seinen Stücken Vor- und Nachnamen all dieser Leute dazu. IM des Universums. Gehört sich nicht, oder? Streber war er übrigens selber. Lebt aber auch schon nicht mehr. Der andre, so ein Schleimgrinser, möchte ich hinzufügen, besetzte Häuser, besuchte unsere Seminare ohne was zu blicken, steckte sein Dings, so steht es zu lesen, in eiskalten Häusern ins Warme sehr hübscher Mädel rein und beschrieb diese aufregenden Dinge als Abenteuer eines gewissen K. K!
So einer nein. Schreibe dann auch weniger. Eigentlich nur Briefe von Hand an geliebte oder verehrte Frauen. Fünf bis siebzehn Seiten, auch täglich.
Eigentlich hätte ich übrigens auch gern Mathematik studiert, hatte aber Angst, mit dem Zeug im Kopf überhaupt nichts mehr zu erzählen zu haben. Wo ich mich eh schon schwertat mit den Leuten. Hätte ich jedenfalls auch machen können und keiner hätte was gesagt. War einfach wurscht. Ich und alles, was ich tat. War Freiheit.
1988: Gehst, das ist dein Wessiprivileg, ja: trampst mit einem roten Kinderkoffer nach Italien und bleibst da und niemand fragt nach dir. Doch, deine Mutter schreibt dir nach: „Du hast uns mit deinem Weggehen sehr verletzt!“ Bis heute verstehst du das nicht.
Begründung! Studium endlich zu Ende, Aussichten die eines Philosophen in Deutschland. Führerschein hast du auch nicht. Neue Liebe in Milano.
Nebenher nervt Westberlin jetzt: „Das verstehst du nicht, du bist ja hetero!“
Wenn du da in Italien sagst, du habest Philosophie studiert, da lacht keiner. Die machen das in der Schule als Hauptfach. Da hast du auch, wenn die Zeit dich schon fortgetragen hat ins gehobene Alter, mitunter noch gute Punkte bei hübschen jungen Frauen. Denen kommst du interessant vor. Das möcht ich doch mal durchgeben.
September in Orbetello. Die Arbeiter singen auf der Baustelle.
Capalbio: hübsch der alte Ortskern, hübsch teuer wohl. Hier haben, hörst du, die Chefs
der Kommunistischen Partei ihre Ferienhäuser. Ja wie? Ja ja.
Camogli. Die Feigen vom Baum pflücken. Ach.
Sonnenoktober in Milano: Goldenes Blätterschieben mit den Füßen.
„Guck mal“, sagt eine. „Da geht ein Deutscher!“
Weil ich so mit den Armen schlenkere beim Gehen!
1988: Ältere Mailänder sprechen Deutsch. „Sie müssen schon entschuldigen“, sagt der Büroleiter, „es ist hier leider nicht mehr wie bei Maria Theresia“.
Deutscher sein: Die Zwölfjährigen haben sich, um mich zu begrüßen, im Flur aufgestellt, heben, als ich komme, den Arm zum Hitlergruß und sind enttäuscht, weil ich säuerlich reagiere.
Marco begrüßt mich jeden Tag mit einem: „Und wie stehen die Pfahlbauten?“
„Weißt du“, sagt Elena beim Abendessen, „ihr kommt euch großartig vor, aber vergiss nicht: ihr habt noch in den Büschen gelebt, als wir schon eine Kanalisation hatten. Wie ihr esst und euch anzieht und alles, dafür gibt es nur ein Wort: Barbarisch.“ Deutscher sein?
Im Gym spricht mich einer um die dreißig an und erklärt. „Es tut mir heute noch leid, dass wir euch damals verraten haben!“
Die Fascho-Aufkleber knibble ich vom Laternenmast ab. Roberto warnt: „Tu das nicht. Das kann gefährlich werden.“ Hier ziehen Schwarze rum, demonstrieren auch mit erhobenem Arm.
Die Italiener, die sind gerne mal ganz ganz rechts oder ganz links. Haben ja auch bis vor zehn Jahren überall herumgeschossen und -geprügelt. Faschisten, Kommunisten, die noch immer auf die Prager Aufständischen sauer sind, dazu Democrazia Proletaria, je nach Gegend. Alle irgendwie katholisch. Auch in so einer Erweckungsbewegung alle Jüngeren. Kein Sex die? Die zählen, Kommunist oder nicht, wie oft sie kommen dürfen. Keinen Saft vergeuden!
November in Milano: Es regnet und, wenn du pünktlich irgendwo ankommen willst, musst du zu Fuß gehen, weil Autos und Busse nicht vorwärtskommen.
1989: Ich lese seltsame Dinge in den hiesigen Zeitungen. Das hat nun, weiß ich heute, nichts mit der italienischen Presse zu tun, sondern ist immer und überall so, weil da Auslandskorrespondenten berichten, die in so was wie via Manzoni im Club der Korrespondenten sitzen und, so wie der Herr Radies von der FAZ in Rom nur vom Hörensagen wissen, was los ist. Ich glaube, die gehen im Land nicht einmal einkaufen.
„Du kommst aus Berlin?“, fragt mich ein Student mit leuchtenden Augen. Nicke.
„Ost oder West?“
„West.“
Er enttäuscht: „Schade. Weißt du, ich würde so gern im Osten leben!“
Da guckst du, Wessi!
Wessi und Ossi sind von gleich weit weg.
Wer richtig gut Deutsch spricht, ja der hat das in Leipzig oder in Ost-Berlin gelernt. Der Kurs dort war gratis gewesen und besser als unser Wessigoethekram.
Lied von Battiato: Alexanderplatz.
Zeitungstitel im Vorbeigehen: È caduto il muro! Die Mauer gefallen! Ja, die haben da wieder was falsch verstanden, die, denke ich. Im Artikel: Die Abgeordneten im Bundestag haben sich erhoben und Deutschland über alles gesungen. Klar. Brauche ein paar Tage.
Willst du nicht zurück? Ist so weit weg.
Fußballweltmeisterschaft. Deutschland gewinnt. Habe Angst auf dem Nachhauseweg. Wenn die mich erwischen.
Aber aus den Autos, die hupend vorbeifahren, schwenken sie deutsche Fahnen.
Hatten offenbar beide dabei gehabt.
Einer sieht mich da so blond daher schlenkern und schreit: „Deutschland!“
Nach 1990, Milano: Ich laufe im Dunkeln durch den Park. Vor mir fährst du auf deinem Rad.
Du pfeifst: Die Internationale.
„Das pfeifen auch nicht mehr viele!“ bemerke ich, als ich dich überhole.
Du antwortest nicht, beginnst zu kichern, lachst dann, immer lauter, kannst gar nicht
aufhören zu lachen.
Dein Rad schwankt, fährt kurze Kurven. Lachst.
Du fährst in den Graben. Krachen und Klirren. Lachst nicht mehr.
„Der ganze Wein!“, rufst du, als du dich, das Rad an der Hand, aus dem Graben
hochrappelst.
Wein verläuft im Grabenwasser. Besoffen gepfiffen.
In der taz: Der junge Journalist zu Gast beim Vorsitzenden der italienischen Ultrakommunisten, erstaunt über die schwarze Hausdame, die das Abendessen serviert und dann fragt, ob der Herr noch Wünsche habe.
Vor der Basilika steht ein alter struppige Mann mit einem Pappschild am Hals, auf das er von Hand geschrieben hat: „Ich bin kein Kommunist, weil ich an Gott glaube!“
Vorstadt-Bushaltestelle. Eine alte Frau sieht mich und schreit auf: „Da seid ihr wieder!“ Entschuldigt sich dann, drückt mir die Hand. Erinnerung an den Winter 1943. „Die standen da, ich war ein Kind und so verschreckt, standen wie aus dem Nichts gekommen im Schnee vor unsrer Hütte in den Bergen, groß und in Weiß, mit Maschinengewehren, vor unsrer Tür.“ Deutscher sein.
Weihevoll rührt mein Vater mitunter samstagabends einen Krabbencocktail an. Das ist der Luxus in meinem Kinderleben. Die zeitweilig feierlich angekündigten Fondueabende möchte ich nicht als solchen gezählt wissen, weil von den hartfrittierten Filetstücken ja kein Mensch satt wird und auch die seltsamen Saucen, bis heute bin ich nicht sicher, wie ich „Worcestersauce” so aussprechen soll, dass mich jemand versteht, eher scheußlich sind. Den meisten meiner Mitschüler wäre das alles sehr exotisch vorgekommen. Wie im Film wie Champagner.
Vater kauft manchmal bei Feinkost Köster auf der teuren Seite der Bielefelder Innenstadt. Mama seufzt dann selig am Sonntagmorgen: „Hach, Parmaschinken!” Denn das Seufzen mit Aspiration unterscheidet gehobene deutsche Mittelschichtfrauen oder eben -damen vom Rest der Welt. Vielleicht auch nur westdeutsche, aber dieses „nur” kannten wir nicht.
Meine erste Wohnung liegt am Südstern und außer Lebensmitteln bei Bolle und Matratzen vom Trödler erlebe ich dort keine größeren Einkaufsfreuden. Meine Kleidung: zwei Paar Jeans, von denen eins außer Haus tragbar ist, zwei schlabbrige Wollpullover und vier oder fünf T-Shirts und Unterhosen, auch vom letzten Weihnachten noch die grausigen buntrautigen Burberry-Strümpfe. Zwei alte Hemden, schwarz mit Streifen, habe ich bei meinem Vater abgestaubt. Dazu Parka und ganzjährig das eine Paar, anfangs weißer, Adidas-Schuhe.
Zum Waschen werfe ich das Zeug in die Spüle, setzte Wasser auf, mich auf den Klappstuhl und warte, bis es endlich kocht. Elektroherd. Dann kommt das kochende Wasser auf die Wäsche. Mehrmals umrühren, etwas scheuern vielleicht, fertig.
Die Wahrheit ans Licht: habe auch ein orange-rot gestreiftes, viel zu enges Indienhemd, Seersucker-Stoff, das mir, als ihrem Herzelein, eine hinterlassen hat.
Meine neue Freundin aber wohnt im Bayerischen Viertel und sie ist es, die mir die Welt der teuren, wohlriechenden und eleganten Dinge eröffnet. Sie bringt mich ins KaDeWe, wo ich nie zuvor gewesen war und wo ich mich von den Düftchen und Cremchen im Erdgeschoss bis in den vierten mit Sekt & Austern hochstaune. Erschwinglich ist für uns dort weniges, doch eröffnet sich mir wie ein Versprechen ein schillerndes Reich des Möglichen oder der Aussichten. Man könnte also im Leben bereits zur Mittagszeit lässig an einem hohen Tisch stehen, Sekt trinken und Canapés mit Vitel tonné essen. Toh.
Kaufe im KaDeWe einen Lamy-Füller. Leicht und elegant. In der Schule hatten wir grüne oder blaue Füller gehabt, entweder Geha oder Pelikan. Welcher von beiden? Eine Glaubensfrage. Beide hatten Patronen, die durch winzige Glaskügelchen verschlossen waren. Die herumschießen. Irgendwer bekam dann einen Parker-Kugelschreiber. Das war das Edelste, was wir uns vorstellen konnten. Mein neuer Berliner Füller aber, der kostet 50 Mark! Ist Irrsinn und beglückt den Schreiber. Ein Jahr später schickt mir Vater zum Geburtstag einen klassischen Pelikan mit Goldfeder wie von 1880 oder so. „Du magst doch sowas!“, kichert Papa am Telefon. Etwas peinlich ist mir das Ding schon. Jahre später sehe ich einen Mailänder Immobilienmakler mit einer dreimal so großen Version meines Füllers den Vertrag unterschreiben. Kurze Wurstfinger mit schwarzen Härchen, ums Goldne geschlossen. Gehe wieder zu Kuli über.
Sekt geht, sei zum besseren Verständnis gesagt, für uns hinauf bis Henkel trocken, während Mama Asti Spumante trinkt. Bei Treffen mit anderen Philosophiestudenten gibt es Lutter & Wegener, der von dem E.T.A. Hoffmann, aber nicht die teure Version. Jemand bringt auch ein Rotkäppchen mit vom Transit-Markt oder wie das da heißt, an der Betonplatten-Autobahn. Jedenfalls liegt unser Sekthimmel zwischen drei und, sehr selten, sieben Mark die Flasche.
Noch Jahre später in Italien bin ich überzeugt, bei Einladungen eine Flasche Pinot di Pinot mitbringen zu können. So etwa sechs Mark. Die Gastgeberin wirft mir einen seltsamen Blick zu, stellt die Flasche weg und öffnet den Barolo, den sie zum Abendessen bereitgestellt hat. Aber zunächst gibt es Champagner und ich bin als der Knauserfritz aus dem Westerwald entlarvt. Weiter enttäuscht scheint aber niemand zu sein. Die wissen ja, wo ich herkomme.
Luxus? 1987 ein Paar gelber Lederschuhe aus einem Laden in der Kantstraße. 100 Mark. Mein Vater ist sauer: „Hast du sonst nichts zu tun?“ Sonst Jeans und Second Hand.
Wo ich herkomme? Mittelschicht. Sieht man daran, wie ich gehe und stehe. Egal, wie viele Löcher ich in der Hose habe.
Im Lager von Butter Beck spricht mich einer darauf an. Er ist ein Fürst dort. Er steht nicht im
Lager und braucht sich nicht von jedem Angestellten hier- und dorthin schicken zu lassen. Er sitzt
hoch in seinem Sattelschlepper und fährt allein oder mit einem Helfer hinaus in die Stadt. Heute habe
ich Glück. Heute bin ich der Helfer und darf mit raus.
Ich habe nie zuvor mit ihm gesprochen. Stecke ja im Lager fest und rede nur mit den anderen
Lagerhelfern. Arbeite mehr oder weniger und vor allem: setze mich niemals hin. Denn dies ist
das oberste Gesetz für alle Arbeiter. Du sollst nicht sitzen!
War das Zweite, was ich da von einer netten Kollegin gelernt habe. Das Erste: "Mach nicht so schnell, sonst wirst du
früher fertig, stehst rum und das gibt Ärger!"
Kaum bin ich in den Beifahrersitz gefallen, sagt der Fahrer: „Du kommst vom Gymnasium!“.
Ich wundere mich. Woher er das wisse. „Das sieht man.“ Aha. Ich laufe im grünen Kittel rum
wie alle. Was will er da sehen? „Wie du gehst und wie du isst. Man sieht es einfach.“ So ist das.
Er meint mit „Gymnasium“ Mittelschicht. Ist tatsächlich ein Synonym.
Einmal arbeite ich an einer Bitterfelder Schule und verstehe mich mit den meisten Kiddies nicht.
Pöbeln breitgesichtig, weitmäuligst. Irgend etwas an mit sehen sie als eine Aufforderung, sich als
dicke Maxe oder Maxinnen hervorzuschreien. Ich könnte ja versuchen, ihnen mit einem „Na?“ ganz
bedrohlich nah zu kommen, wie das die Kolleginnen machen. Aber ich tue so etwas nicht. Vor allem:
Sie sind mir egal. Ich habe nicht das Gefühl, für diese fremden, lauten, moppeligen Wesen irgend
etwas tun zu müssen. Wollen oder können nichts lernen? Na dann nicht.
Bitterfeld liegt da, wo für mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr Ausland war. Aber daher rührt
die Fremdheit wohl nicht. Sondern? In Dessau lerne ich ein freundliches und gebildetes älteres
Landeskind kennen. Als der Herr hört, dass ich in Bitterfeld arbeite, sagt er nur: „Oh Gott!“
Mama hätte gesagt: „Proleten!“ Der Herr aus dem Osten sieht das offenbar ganz ähnlich. Das sind die da.
In Leipzig geht ein nicht mehr junger Mann um, sammelt Pfandflaschen und erzählt gern, kräftig
sächselnd. Habe zuerst Mühe, ihn zu verstehen. Vater Chefarzt schon vor der Großen Anverwandlung und auch danach,
Bruder Anwalt, Schwester Chefärztin.
Nur er nichts. Die Pflaume.
Das konnte West sein oder Ost, diese gehobene oder strebende Mittelschicht war gnadenlos.
Aus Notwendigkeit.
im Westen immerhin: Fabrikantenkinder hatten es leichter. Ob sie es brachten oder nicht, die Fabrik stand da und die
Familie
machte das schon. Vielleicht Privatschule, später Stiftungsjob oder so etwas.
Wir aber: Die Familie löste sich hinter unserm Rücken auf und wir hatten wenig Geld unter dem Gesäß.
Gerade genug für eine gute Ausbildung und wenn du das nicht packst,
bist du raus. Wir müssen laufen. Irgendwo aus eigener Kraft anlangen und dann stolz auf uns sein.
Dies Hasten, Steigen, Springen, Hechten darf man uns aber nicht ansehen. Sind ja keine armen Leute,
oder? Immer freundlich, das sind wir auch. Könnte verwirrend sein.
In Italien werden einige meiner Freundlichkeiten als verstörend servil gelesen: Beim Aneinander-Vorbeigehen auf dem Bürgersteig nehme ich einen Arm hinter den Rücken, um andere nicht zu stoßen. Macht da keiner. Höchstens ein livrierter Kellner. Für viele Süditaliener lächle ich anfangs zu viel, gerade so, als müsste ich um Entschuldigung für mein Erscheinen bitten. Freundlich werden die natürlich auch, aber sie müssen dich mindestens zweimal gesehen haben. Erst Nase hoch, das machen Herren und Damen so, umarmen später.
Italienischer Mittelstand bleibt in der Stadt. Wir: wohnen am Rande: Stadtrand: im Dorf; Dorfrand: In der Reihenhaussiedlung. Sind in der angelagerten Neubau-Bulla, die übrigens wachsen wird.
Wer wohnt denn da so in unserer Siedlung? Ein Professor da hinten. Im Eckhaus nebenan, das lange nicht verkauft worden war, ein Facharbeiter von Ford mit drei Töchtern. Ein Buchhalter. Ein Grafiker-Paar. Die andern? Weiß ich nicht. Das spielt für uns einfach keine Rolle. Es fragt niemand danach, was deine Eltern verdienen. Alle so im oberen Mittelfeld wahrscheinlich. Gehörst dazu, weil du mal da bist.
Wir spielen zusammen auf der Straße, auf den Plattenwegen, auf dem Platz vor den Garagen. Die aus dem Dorf treffen wir in der Schule. So ab zehn auch nachmittags. Bis dahin eher gar nicht. Kreiseln zwischen Drossel-, Amsel und Starenweg.
Ab und zu kommt jemand dazu. Der Sohn der zugezogenen Nachbarn steht da eines Samstags vor der Haustür, Er erklärte mir, seine Mutter habe ihn aufgefordert, zu mir, den er sonst nicht trifft, da er eine andere Schule besucht, hinzugehen und mit mir, da wir Nachbarn waren, gleich alt und ich offenbar gut erzogen, Freundschaft zu schließen. Wir gehen dann durchs Dorf, ungefähr bis zur Tankstelle, sprechen über dies und das, kommen bald wieder nach Hause und sind also Freunde.
Ab und zu kommt jemand weg. Kalles Eltern verkaufen aus dem Reihenhaus auf einmal Getränke. Limo und Bier auch abends und am Wochenende. Da gehst du sonntags das Bier holen für Papa. Dann steht eines Tages ein Umzugswagen da. Kalle? Zieht weg. „Müssen weg!“, heißts. Papa lacht: „Bis aufs Letzte für den Hauskauf verschulden und dann, so eine Überraschung, steigen die Zinsen!“ Waren nicht schlau genug. Pflaumen. Sehe den Kalle nie wieder.
Die schlanke, elegante Dame von der Auswahlkommission zappelt erregt, strahlt mich begeistert an und macht immer wieder Notizen. Seltsam, dass mir diese später zwischen gemischten Infoblättern in die Hände fallen. Da steht dreimal „typisch hochbegabt“ mit Ausrufezeichen. Einmal, weil ich Sport in der Schule hasste. Einmal, weil ich sitzen geblieben bin und einmal, weil ich die Schule abgebrochen und das Abi alleine gemacht habe. Alles so Symptome.
Da war dieser Hype mit der Hochbegabung und dass das so eine Art Behinderung sei im Leben. Ist es auch. Besser gesagt: Es ist zu nichts nütze. Du ärgerst nur immer alle. Du gehst nicht zum Kurs und schreibst in der Klausur trotzdem eine zwei und alle sind sauer. Du fragst immer so komisch: du nervst. Du langweilst dich immer schnell: dich nervts.
Bei Microsoft, erzählt die eine von der Personalauswahl: nehmen keinen mit einem IQ über 120. Das mit der Intelligenz ist mehr so ein Witz. Wohin damit? Ins Büro? Office-Paket! Excel! Intelligente Lehrer? In Deutschland sicher nicht. Von 17 bis 21 Punkten auf 40 gibst du eine vier. Medien- und Sozialkompetenz! Eine Freundin hat Wirtschaft studiert und sagt das so: „Was du dann im Büro machst, das könnte auch ein dressierter Affe erledigen.“
Sagt eine Psychologin: „Was nützt dir ein IQ von 130, wenn du es nicht schaffst, pünktlich in die Schule zu kommen?“ Das sind so die Probleme.
IQ? Was? Vielleicht hast du ja bloß ADHS, Junge. Zappelhirn. Jedenfalls ist das Ding in deinem Kopf gefräßig und knurrt vor Hunger. Die brauchen da im Gymnasium mindestens sechs Monate für diese schmuddlige Trigonometrie und du leidest. Drei Monate, um den Homo Faber zu lesen. Geben euch zwei Wochen für die a-Deklination. Die lesen zwei Bücher im Halbjahr. Die rechnen immer nur und nennen das Mathematik. Kopf im Leerlauf.
Glücksmomente: Hinten im Klassenzimmer wird der Bücherschrank geöffnet und du darfst dir was leihen. In deinem Pulheimer Aufbaugymnasium wird die Bibliothek eingerichtet. Der Bücherbus kommt in dein Dorf. Mit vierzehn findest du heraus, dass du auch in die Unibibliothek darfst. Mit fünfzehn lässt man dich in den Osterferien in den Algol-W-Kurs und ins Uni-Rechenzentrum. Sitzenbleiben tust du erst nachher.
Glück auch Arno Schmidt. In der Institutsbibliothek stehen Wielands Gesammelte Werke von 1855. Don Sylvio. Gryphius lesen. Horribilicribrifax Teutsch. Die Herren von der Kürbshütte. Beißt dich mit Freunden durch Kritiken aus Königsberg. Freude auch Benjamins Übersetzeressay: „Wie es scheint, hast du das ja tatsächlich gelesen“, wundert sich der Assistent. Benjamin-Gesamtausgabe für 98 Mark. Entspricht deinen Ernährungskosten für 15 Tage. Muss sein.
Musst ja zugeben, in privilegierter Zeit an privilegiertem Ort studiert zu haben. Allerwärts schwirrten so geisteskitzelnde Sachen herum von Adornos Sirenensang bis zum s/z von Roland Barthes. Mädel mit dessen "Fragmenten" in der Disko! Laings Knoten. Foucault. Der schwappte dann allerdings so über und alles ersoff in dieser Suppe.
Das war, als du studiert hast, so ein Aufblühen wie bei der Hirnparalyse. Wie am Ende bei Nietzsche. Noch ein großes Feuerwerk, bevor es duster wird in der Bude.
Möchte hinzufügen, dass wir an eine Musik gewöhnt waren. Von Dylan zu Frank Zappa und Einstürzende Neubauten. Musik, die du hörst und denkst: Was ist das denn?
Die Dozenten, die ich anfangs noch selbst erleben durfte, redeten zu viel wie Walter
Höllerer, polterten zu laut wie Norbert Miller oder soffen zu viel wie Jacob Taubes, der
am Ende auch mal mit der Stirn auf den Tisch knallte und dann von der Schädelstätte des
absoluten Geistes vortrug: „Aus dem Kelche dieses Geisterreiches/ schäumt ihm seine
Unendlichkeit.“
Die späteren Dozenten waren nie was zu viel.
Einer sitzt da kurzblond mit Drahtbrille in der Küche und erklärt das so: Jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter zwei Drittel: Promotionsstelle. Hatte als Student veröffentlicht, das habe Punkte gegeben. Die Dissertation habe er natürlich schon fertig in der Schublade. Die hole er erst kurz vor Vertragsende raus. Inzwischen andres veröffentlichen, das gebe Punkte, an der Habilitation schreiben, Punkte, so dass sie, wenn das Stipendium kommt wegen der Punkte, schon fertig sei. Ob ich das verstünde, fragt er. Punkte machen. Was er so schreibe, frage ich. Im Prinzip immer dasselbe. Konstanz bringe Punkte. Denke an Hegel, der dreißig Jahre lang immer dasselbe schreibt, und an Schelling der sich alle fünf Jahre was Neues ausdenkt. Welcher von beiden ist berühmter?
Wenn ich mir mit achtzehn vorgestellt hatte, Professor zu werden, hatte ich an etwas wie Ernst Bloch gedacht. Nicht an die von heute, von denen der in seiner Jugend gesehen hatte, wie „denen alles bloß ihnen Schwerfallende zum endlosen Schriftsatz gerät“. Double Blind Peer Review.
Nu, sagt Willi, als du nach Italien gehst, sieh zu, dass du da nicht hängen bleibst. Großes scheint dir vorherbestimmt, eine Bahn, die freilich nur durch Lichtländer führen kann. Amerika, England, Deutschland. Nicht da unten irgendwo rum.