Zwar kenn ich dergleichen von früher. Mit dreizehn bin ich von Köln nach Bielefeld verpflanzt worden und wenn ich nur den Mund aufmachte, bogen sich alle vor Lachen.War also zugezogen ...
Papa baut und kauft kein Haus. Er lässt sich nirgendwo mit dem Gedanken nieder, er würde dort auch sterben und in der Nähe beerdigt werden.
Mama, Bauerntochter klagt: „Wir sind wie die Zigeuner!“
Freunde fragen: Wie viele?
„Weißt ja gar nicht, was Hunger ist!“
Aus dem Helikopter springen im Wind und Krach der Rotorblätter gebückte Männer.
Maschinengewehre! Tacktacktack, tacktack. Die schießen um sich.
„Sind Belgier“, weiß Kalle.
Senoussi: Wüste
Die Männer stehen weiß, Sonne von hinten
Gelb ist die weite Wüste, heiß
Während ihr Ostjungs über eurem handlichen Magazin zugange wart
Stapel mit bunten Heften aus Amerika
Schweigsames Fleisch
„Bis aufs Blut!“, sagt einer anerkennend.
Seit ich in Leipzig wohne, bin ich nicht von hier.
Zwar kenn ich dergleichen von früher. Mit dreizehn bin ich von Köln nach Bielefeld verpflanzt worden und wenn ich in einer neuen Heimatstadt nur den Mund aufmachte, bogen sich alle vor Lachen. War also zugezogen und redete wie einer aus der Bütt am Rosenmontag im Fernsehen.
In Leipzig ist aber keine genaue Herkunft zu spüren. Ich bin nachweislich Deutscher und gut. Woher? Aus dem Westen. Immerhin eine klare Himmelsrichtung. Ganz einfach ist das aber auch nicht.
Habe eigentlich lange Jahre im Osten gelebt, so als Richtung. Nämlich, je nachdem, in Westberlin oder in Berlin (West). Habe auf Außenklos in Moabit und Kreuzberg manches bedacht, habe die ganze Gneisenaustraße entlang Hunger geschoben und im Winter im Wedding Braunkohlenrauch atmen können, der über eine Mauer zu uns zog. West-Berlin lag im Osten. War aber Westen.
Wenn ich von Zuhause einmal in mein Heimatland Richtung Westen fuhr, führte mein Weg durch den Osten. Dieser Osten war nämlich nicht einfach eine Richtung, sondern auch ein Raum mit einer ganz bestimmten Grenze drum. Ein Ossi käme von dort, so viel ist klar. Von hinter einer Grenze und da kam keiner raus. Und ich? Wessi?
Im Zug von Krakow zu unserm gelben verqualmten Zoo sprach mich 1986 ein
junger Mann beim Rauchen an.
„Bist ausm Westen, hm?“
Ich nickte.
„Wär gern auch da.“
Im Westen, also einfach raus aus dem Osten, dem mit der Grenze drum.
Ja, dachte ich, Scheiße, ich kann aber nichts dafür, verstehst du das?
Er sah, dass ich verlegen war und fügte hinzu: „Naja, ihr habt die janzen Arbeitslosen, wa?"
So gings irgendwie, aber es hing etwas Falsches in der Luft. Ossi trifft Wessi?
Das ist nun aber so: Bei uns in West-Berlin gab es auch Wessis. Wo wir lebten, das war zwar Westen, aber im Osten. Zu uns kamen also viele Touristen aus dem Westen im Westen.
Sie kamen zur Berlinale und kritisierten in unsrer U-Bahn die Synchronisation eines portugiesischen Avantgarde-Films, machten eine Pufftour an der Hasenheide oder kamen zum Katholikentag, weshalb am Bahnhof Zoo ein schnorrender Junkie ein Papierblatt vorwies, auf dem von energischer Hand geschrieben stand: Fuck Catholicks. Er meinte aber gar nicht die Katholiken. Er meinte die Wessis. Die fuhren im Reisebus zum Fraenkelufer und bestaunten die schmuddlig-bunten Hausbesetzer auch noch, als diese mit Steinen nach ihnen warfen. Die fotografierten den Punk, der am Europabrunnen seine Ratte küsste. Die standen in der U-Bahn immer im Weg, am liebsten am Ausgang. Wie Wessis so sind, wenn sie einmal da sind. Ob einer also in Freiburg sein Weed geraucht, in Fulda Kreuze geschlagen oder in Plön seinen Hering gesalzen hatte, spielte keine Rolle mehr, sobald er erstmal in unserer östlich-westlichen Kleinstadt auftauchte. Viele schwäbelten, das ist wahr, aber bei uns waren sie trotzdem bloß Wessis und Schluss. …
Beim Übergang in den Osten geschieht etwas mit Menschen aus dem Westen. Eine Reduktion. Ortsangaben fallen weg. Ossis hatten ihre Grenze drum, aber Wessis nicht. Also wie?
Viel mehr als die Richtung ist nun von dir, wenn wir hier mal persönlich werden wollen,
auch gar nicht zu haben. Bist doch schon als Kind sieben- oder achtmal umgezogen. Vater Karriere.
Sehr westlich und sonst nix. Gibs zu. Stell dich vor:
Papa Salesman. Bei Amerikanern. Nicht in so einer deutschen Firma.
Bei den Amis geht es nach Erfolg.
Bei denen kannst du auch jederzeit den Chef in Amerika anrufen, wenn was nicht stimmt.
Bei denen gibt es keine Jahre abzusitzen vor der nächsten Beförderung. Leistung.
Und: „Glorify salesmanship as a sculptor glorifies his labour.”
Papa war immer der Beste.
Einmal im Jahr Im 100%-Club. Cote d’Azur, Athen, Austern! Mit Mama. Glory.
Du derweil bei Tante Mine. War gar keine Tante. War die alte Erzieherin deiner Mutter.
Von früher. Warst da.
Mine kochte Birnen ein.
Mine kochte Marmelade. Kochte Gelee. Ganze Nachmittage am Herd. Noch Zucker zugeben.
War ganz krumm von Schufterei und Gicht, die Mine.
Schälte Erbsen. Sonst die aus dem Glas. Wie?
Bei uns zu Haus im Reihenhaus, im ersten, im zweiten, im dritten, da waren die Erbsen tiefgefroren.
Dunkelgrün, hart und mit Delle.
Bei uns am Rand, im Grünen, am Arsch der Welt, da gab es auch keine Kartoffeln mehr,
sondern Nudeln und Reis: Uncle Ben’s: parboiled vom schwarzen Onkel auf den Reisfeldern.
Weihnachten? Figurbewusst mit Pute mit Mais.
Im Möwenweg sind wir zu Haus.
Schlittenfahren den ganzen Tag.
Rollschuhlaufen den ganzen Tag.
Fahrrad- oder Rollerfahren den ganzen Tag.
Im Garten stehen den ganzen Tag. Während die andern in gebügelten Kleidchen und Anzug mit Eltern und Onkeln und Tanten vorbeiziehen.
Sonntag. Du wie immer. Stehst da allein. Lässt es kreisen, das Sprungseil. Besteigst den Hüpfball,
der schon zu klein ist. Schaust in die kleinen Löcher im Blumenbeet, aber kein Regenwurm lässt sich
blicken.
„Alles Spießer“, sagt Papa.
Uns besuchen nur selten mal die Tanten, Mamas Schwestern und die Onkel dazu.
irgendwann kommt Papa dann runter bis auf die Mitte der Treppe, schnürt den weißen Bademantel
zu. wirft die Arme hoch, ruft: „Ach, ihr seid schon da?“ Verschwindet noch einmal eine halbe
Stunde, bevor er sich dazusetzt. Die eigene Verwandtschaft mag er schon gar nicht. Hatte auch
einen Onkel und Cousins in Thüringen! Mal rüberfahren? „Um Gottes Willen!“ Dieser Onkel war,
wie mein Großvater, geboren in Greuda, zeitlebens ein überzeugter Nazi gewesen. War in seinem Fall nicht so lange. Polnische
Zwangsarbeiter, die er jahrelang misshandelt hatte, haben ihn 1944 erschossen. „Das war das Erste,
was die gemacht haben: Pistole besorgt und den Hund abgeknallt!“
Der Osten, die Nazis, Vaters Verwandtschaft: ein Schnitt und weg.
Kaffeebesuch: Diese warme Langeweile in Zigarettenrauch und Cognacschwapp. Onkel Albert erzählt von Gaststätten: Schwarzer Hirsch, Draller Bock, Geile Sau. Ein Wildschwein-Ragout, ein Gulasch, ein Rehbraten. Onkel Arno hat einen Sohn, der spricht mit sechzehn vier Sprachen. Tante Liese trinkt ein Schnäpschen. Albert noch einen Cognac. Tante Liese trinkt ein Sektchen. Mama hatte schon zwei. Seltame langgezogene Nachmittage wie in einer Fremde. Tante Liese hat Schluckauf. Mit sechzehn vier Sprachen, alles Einser auf dem Zeugnis. Ich geh mal spielen. Draußen ist niemand. Bei den andern ist jeder Sonntagnachmittag so. Einfall der Erwachsenen: parfümiert die Tanten und schwer und dick die Onkel, denen graue Haarbüschel aus den Ohren sprießen. Diese Worteierei, dieses Schleifenziehen, dieses Nicken, dieses Sonntagsonkellachen. Ich gehöre da nicht hin. Stehe im Garten. Die andern gehen vorbei. Ich stehe da wie ausgeschnitten.
<Die Leute finden uns seltsam, stelle ich mir vor.
Papa baut und kauft kein Haus. Er lässt sich nirgendwo mit dem Gedanken nieder, er würde
dort auch sterben und in der Nähe beerdigt werden.
Mama, Bauerntochter klagt: „Wir sind wie die Zigeuner!“
Freunde fragen: Wie viele?
Es sind fünf! Fünf Grundschulen habe ich besucht.
Georg staunt. Der wohnt im Dorf an der Hauptstraße. Nicht in unsrer Siedlung.
Er teilt mit zwei kleineren Brüdern das Kinderzimmer in einem roten Backsteinbau. Da oben
im Kinderzimmer, da ist keine Heizung drin.
„Wozu willst du hier eine Heizung?“, fragt er mich. „Hier schlafen wir!“
Mich fröstelt. Bei uns ist alles auf 21 Grad beheizt. Manchmal, weil Mama immer kalt ist,
auf 22.
Zum Spielen gehen wir bei Georg nach unten ins Wohnzimmer, wo er mir die neue Stereoanlage
zeigt und die Vorteile des Ratenkaufs erklärt.
Wir machen sowas nicht.
Neben der Tür des Hauses von Georgs Eltern hängt ein Schild: „Mit Gottes Hilfe 1963“.
„Wenn ich sowas schon sehe!“, poltert mein Vater.
Das mit der göttlichen Hilfe: Familienhände. Georgs Cousine, die von der Tankstelle,
erklärt es mir: Georgs Vater hilft ihren Eltern samstags und sonntags
beim Bau ihres Hauses so wie früher sie ihm. Das mache man so, so reihum.
Georgs Vater ist Maurer. Dieses Jahr Karnevalsprinz.
Sie leben in dieser warmen Enge, in der Häuser wachsen und Kinder.
Kriegt Schlechtwettergeld, der Vater, wenn es regnet, und darf dann zu Hause bleiben.
Ich hör zu. Staune. Geh nach Hause, wo Papa erst erscheinen wird, wenn ich schon schlafe.
Dann bin ich bei Micha zu Besuch. Der ist, da bin ich mir sicher, schneller im Kopf
als ich,
kommt aber nicht aufs Gymnasium. „Wozu das denn?“, fragt auch er.
Er wohnt mit Vater, Mutter und acht Geschwistern in einer Kellerwohnung an einer stillen
Straße,
wo wir in Ruhe spielen können.
Beim Abendessen sagt Mama: „Da gehst du nicht mehr hin!“
Das hat sie schonmal gesagt, als ich bei einem aus der Nähe gewesen war, der in so einem
kleinen Flachbau lebte.
Da gehst du nicht mehr hin. Kein Umgang für uns. Dabei war das Geld, solange ich klein
war, auch bei uns knapp gewesen. Bevor Papa bei den Amerikanern angefangen hatte, hörte:
Habe Prokura, aber für 500 Mark im Monat.
Arme Leute sind dick und taut und meckern immer.
Mama sagt: Wenn dich einer fragt. Die Kassiererin bei Edeka oder die Nachbarin. Sag,
wir fahren nach Jugoslawien.
Ferien in Jugoslawien?
Nein. Sag es einfach.
Soll ich lügen?
Sag es. Die Leute reden.
Später Rumänien und Tunesien, mit 14, 15, 16, 17 allein in England und Kalifornien, schon wahr.
Später schleppt Papa nämlich, den ich nur am Wochenende sehe, haufenweise Geld an.
Leben im Überfluss, sagt man mir. Montags gibts Kartoffeln mit Bratensoße vom Sonntag oder mit Spiegelei. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Erbsen- oder Bohnen- oder Linseneintopf. Freitags Fischstäbchen oder Spaghetti mit Tomatensauce: Miracoli! Oder, Freude: Ravioli aus der Dose. Samstag- und Sonntagabend Braten mit Rosenkohl. Papa kocht am Wochenende. Das Sonntagsfrühstück ist unterdessen zum Brunch geworden. Wenn ich zur Kirche gehe, schlafen meine Eltern noch. Das tue ich aber nur bis zur Kommunion, weil unser Kaplan mich Joachim nennt und immer hinzufügt: "Achim gibt es nicht!" Zur Firmung gehe ich dann nicht mehr, zum Entsetzen einiger Freunde: "Dann bist du kein ganzer Christ!" Rheinland.1971: Fonduetopf und Flambierpfanne.
„Ich habe Hunger!“ „Weißt ja gar nicht, was Hunger ist!“
Hunger du! mein Vater spricht eben hin und wieder von dir und das klingt jedesmal, als ob, wer dich nicht kenne, gar nichts vom Leben wisse.
War ja auch so: Wenn einer 1960 geboren ist, hat er, solange er ganz klein war, in der Stadt noch ein par Ruinen gesehen, die bald weggebaut waren. Er hat es nicht mehr wahrgenommen, aber noch zwölf, dreizehn Jahre vor ihm, da hatte es nichts zu essen gegeben. In der Stadt. Deiner Mutter auf dem großen Hof hatte in Wirklichkeit nie etwas gefehlt, aber sie stimmte ein, wenn Vater den Hunger beschwor. Sie hatte die Leute über Land ziehen und um zwei Kartoffeln betteln sehen.
„Du weißt gar nicht, wie verwöhnt du bist!“
„Wart es nur ab, du wirst schon sehen!"
Den Hunger muss einer zu fürchten wissen. Darf aber nicht, wie als Abwehr aller weiteren Hungerzumutungen, sich einen Bauch anfressen. Sich nicht gehen lassen! Das tun nur arme Leute. Standhaft bleiben im Bewusstsein der Möglichkeit des Hungers!
Am Hotel-Pool, schließlich doch da! klopft Mama auf Papas frisch gewachsenes
Bäuchlein:
„Na, da machen wir bald mal eine Diät, wie?“
Die Antwort ist ein Brummen.
„Nicht jetzt, nach den Ferien!“
Irgend etwas muss dann passiert sein, denn Papa ist tatsächlich, trotz der täglichen
zwei-drei Liter Bier, nicht dicker geworden. Erfolgsmenschen haben keinen Bauch.
Mit fünfzehn komme ich dran: Mamas Ausruf beim Abendbrot: „Du kriegst ja einen
Bauch!“
Gucke runter: Oha! Weniger Fahrrad neuerdings? Du gewöhnst dir den Zucker
aus dem Tee. Bauch geht nicht. Bauch macht arm.
Mama kauft keine Limonade mehr. Im Keller steht jetzt eine Kiste Mineralwasser.
Mein älterer Cousin beäugt meine Mutter.
„Sag mal, machst du FdH?“
Mama ist beleidigt.
Klaus mit dem Fußball auf dem neuen, noch ganz schwarzen Parkplatz, den sie, ohne,
dass ihn jemand gebraucht hätte, da angelegt haben, wo vor kurzem noch ein Tümpel
gewesen war, ein alter Rheinarm, wie es hieß.
Ballert ein paarmal.
Zieht das T-Shirt aus. Schaut an sich runter. Kneift die Haut an seinem platten Bauch
zusammen.
„Hab ne Wampe!“
„Hast du nicht!“ Er kneift immer wieder.
Aus dem Großen Gesundheitsbuch schreibe ich Kalorientabellen ab. Immer schön aufgepasst. Diskussionen mit Klaus, was wir essen können.
Hunger? dann angefühlt: mit sechzehn abends in die Küche und der Kühlschrank ist leer. Mama spart beim Essen. Da schreibt ja auch Böll von, der Clown.
Vater nimmt allerdings später die Gewohnheit an, die an sich monatlichen Überweisungen an mich, den Studenten, ab und zu einfach zu vergessen. Außerdem gebe ich zu viel für Bücher aus. So habe ich immer wieder einmal eine Woche oder auch zwei lang erst noch eine Tafel Schokolade am Tag und dann gar nichts mehr zu essen und gehe auf wie aufgeregt bebenden Knien durch die Welt. Abends erleichtert die Magenleere auch das Studium, weil mir nichts übrig bleibt, als über Büchern zu sitzen, womöglich ganze Seiten zu exzerpieren, um nicht ans Essen zu denken. So ist das. Einige Jahre später wird mein Vater bemerken, dass ich jetzt ja wohl wisse, was Hunger sei. Wird wie eine Anerkennung klingen, ganz, als hätte ich eine unsichtbare Schwelle überwunden und sei in den Stamm der Großen aufgenommen.
Sanne legte ihre Hand auf meine Brust.
„Da ist ein Loch!“
Richtig. Meine „anlagebedingte sog. Trichterbrust“, die irgend etwas damit zu tun
haben sollte, dass ich als Kind zwei- dreimal im Jahr diese, wie es damals hieß, um
die
Eltern nicht zu erschrecken: Bronchitis bekommen hatte.
Sie legte die Hand auf meinen Bauch und lachte.
„Da ist noch ein Loch!“
Gleichsam mehr Ab- als Anwesenheit.
Frühlingsnachmittag im Grünen.
Lautes Knattern in der Luft. Was? Riesenhubschrauber über unseren Häuschen, schwenkt vor,
weiter nach hinten über die Landstraße.
Der landet da! Da auf dem Feld. Grau auf Grün.
Zwischen uns und der Straße ein Garten. Wir laufen bis zum Zaun.
Aus dem Helikopter springen im Wind und Krach der Rotorblätter gebückte Männer.
Maschinengewehre! Tacktacktack, tacktack. Die schießen um sich.
„Platzpatronen!“, weiß Kalle. „Das sind Belgier!“ Jetzt erkennen wir alle die kleine Fahne
auf dem Blech.
Tacktacktack, tacktack.
Die Männer laufen zurück und springen wieder hinein in die Maschine. Hebt ab. Schaukelt,
kleine Runde und weg.
„Machen Manöver“, erklärt Kalle.
„Die Belgier? Bei uns?“
„Naja.“
Wir steigen über den Jägerzaun und laufen über die Straße. Zwischen zertrampelten
Pflänzchen liegen lange Patronenhülsen, die wir mit nach Hause nehmen. Freudig mit Beute
heute.
Im Dorf und ums Dorf herum waren wir nachmittags frei. Bis zum Abendessen fragte
niemand nach uns. Wir waren ja so viele. Zu Fuß oder mit dem Rad zogen wir die Straße
entlang, auf Feldwegen durchs Grün, hinaus bis zum Wald und dann stopp. Hoher Maschenzaun,
Schild: „Militärisches Sperrgelände“. Flughafen Nörvenich.
„Da sind mal vier Düsenjäger auf einmal runtergekommen“, erzählt einer.
„Nicht lange her!“
Vier auf einmal!
„Die Piloten?“
„Kannste dir vorstellen!“
Vertretungsstunde. Sprechen über Heldentum. Fällt uns nicht viel ein. Lehrer erzählt
von einem Starfighter-Piloten, der bemerkt, dass sein Ding abschmiert. Sieht sich auf ein
Dorf zurasen. Er springt nicht ab, bringt nicht sich in Sicherheit, sondern versucht, das
Flugzeug ein Stück hochzuziehen. Fliegt übers Dorf weg. Feldgrün. Zerschmettert.
Gibt es das?
Stadtmitte am Samstag ab 14 Uhr tot. Vermeiden. Besoffene Soldaten, Schlägereien.
In der Morgenzeitung. 4,8 Kilometer von hier ist ein Starfighter in ein Bauernhaus
gekracht. Gebäude und Familie pulverisiert.
„Hätte jeden von uns treffen können“, sagt der Lehrer.
Am Rasen. Am Sommersonntag Kaffee und Kuchen auf der Terrasse.
Onkel Albert hebt, da irgendein Ortsname gefallen war, gerade wieder zur Erzählung von
dortigen Gaststätten an, da kommen die beiden zurück. Hoher, dann sinkender Ton. Kaffee
schwappt. Onkel schweigt. Das ist die Kraft der Tiefflieger. Diese hier waren unter 200
Metern, will uns scheinen. „Die hätten mir ja in den Kaffee spucken können!“
Bumm. Schallmauer. Wieder der hohe Ton. Kommen wieder. Briten von Gütersloh. Oder
Deutsche? Wir gehen besser rein. „Ist das immer so?“ „Meistens.“
Spät abends Night Flight im BFBS. J.J. Cale, John Mayall nur da. Vermutlich habe ich am Radio Englisch gelernt.
Über unsre Welt im Grünen spannt sich ein gezeichneter blauer Himmel: parallele, sich kreuzende weiße Streifen, die langsam zerflattern. Urplötzlich metallene Blitze stürzen hervor.
Da oben führen Linien hin und her. Die sehen wir nicht, aber wir wissen.
Raketen werden aufgestellt. Mittelstrecke: Zielen auf den Osten Deutschlands. Da wiederum stehen ähnliche Geschosse. Zum Abflug bereit: handliche, zielgenaue Atombömbchen. Zielen auf uns. Wir kommen als erstes weg, futsch, ausradiert, wir in Ost und West. Geht schnell, wissen wir.
Deutsch bei Frau Suermann.
Lesen Ernst Jandl: Vater komm erzähl vom Krieg.
Hören Biermann: Soldat, Soldat.
Lesen Gryphius.
Deutsche Geschichte Schlächterei, ab und zu eine Pause.
Hier durch die Stadt und Schanz rinnt allzeit frisches Blut.
Nicht. Muss aber, wer den Kriegsdienst umgehen will, sich einer Gewissensprüfung aussetzen. Zwei Rentner und einer vom Wehrersatzamt lehnen mein Ersuchen ab, weil ich nicht konsequent gegen jede Gewalt sei. Das Recht auf Abtreibung würde ich zugestehen.
Soldaten sind Mörder, schreibt Wiggi später in einer Zeitung. Bundeswehr verklagt ihn deshalb. Er gewinnt den Prozess.
Marie geht abends durch Kreuzberg, als plötzlich von der Seite ein Soldat aus
einem Busch auf den Gehweg springt. Stocksteif vor Schreck steht sie da, erkennt:
Franzose.
„J’ai peur!“, bringt sie hervor.
„Moi aussi“, erwidert der junge Soldat und läuft zurück zwischen die unbewohnten
Häuser.
Ist großes Manöver in den unbewohnten Altbauten. Anschließend frei zum Abriss.
Papa hat seine Zigarettenschachtel liegen lassen. Senoussi. Ich sitze am Tisch in der
Öde und staune weg. Es ist das Bild auf der Packung, gelb und orange:
Das Gewehr ist abgestellt
Senoussi: Wüste
Die Männer stehen weiß, Sonne von hinten
Gelb ist die weite Wüste, heiß
Weiß die Kaftane, so heißen die
Da spielen Schatten
Abend
Das Gewehr steht da
Zwei stehen sich gegenüber, sprechen
Senoussi
Das sind Beduinen, erfrag ich
Wohnen in Arabien in der Wüste
Auf dem Tisch die leere Schachtel
Senoussi
Unsre Welt: Ringsum Weiden, Felder, ein Baggerloch, Schule, Kirche, paar Häuser.
Das Aufregendste in unserm Dorf, an das ich mich erinnern kann, war ein Scheißhaufen auf dem Weg am Baggersee. In den See trauten wir uns nicht rein. Braunes Brackwasser. Da lag zwar fest verankert ein Floß wie bei Huckleberry Finn aber wir kamen nicht hin. Besagter Scheißhaufen sah, da waren wir uns einig, nach menschlichem Produkt aus. Jemand hatte hier, auf dem weiten, platten Acker, am Baggerloch, sich mitten auf den Feldweg hingehockt und gekackt. Im Schutze der Dunkelheit? Wer käme denn im Dunkeln hierher? Krumme, schleichende Lumpengestalten? Räuber und Halsabschneider? Uns gruselte. Wir staunten dann Tag für Tag, wie der Haufen auf wundersame Weise immer kleiner wurde und eines Tages verschwunden war. Vielleicht hatten ja Fliegen das alles in kleinen Stückchen fortgetragen.
Samstags aber öffnete sich in unserer einklassigen Volksschule ganz hinten ein Schrank, die Schulbibliothek. Ein Mädchen aus der achten ging mit einer Liste durch die Tischreihen, ich suchte etwas aus, vielleicht war ich der einzige? und sie brachte mir das gewünschte Büchlein oder Heftchen: etwas Kleines jedenfalls. Aus den geliehenen Werken wusste ich, wer Eduard Vogel und Gustav Nachtigall gewesen waren. Ich kannte den treuen Freund Amundsen und den, las ich: ewig neidischen Italiener Nobile (dreißig Jahre später fand ich es trotzdem aufregend, in Mailand im Campo Kennedy den Ort zu finden, von dem Nobile abgeflogen war). Ganz neu kann mein Lesestoff nicht gewesen sein, ein verspätetes Traumreich mitten im Nirgendwo, für einen, der zufällig da saß, in einer Welt von gegeneinander verschobenen Zeiten.
Zu Hause fand ich noch zwei Bücher: Erst Sigismund Rüstig, in Fraktur zwar, aber das ging. Dann Märchen aus 1001 Nacht. Sindbad der Seefahrer. Senoussi!
Ich sitz im Möwenweg wie in die Ferne gespannt.
Als Student fliege ich tatsächlich, hatte als Übersetzer gearbeitet und dieses eine Mal Geld übrig, überglücklich in die Wüste. Last Minute über Schönefeld und Zypern. Schleppe meine maulende Freundin in Tempel und über den Berg zu Fuß ins Tal der Könige. Sie bringt für ihre Verhältnisse schon viel Geduld auf, während ich beglückt Hieroglyphen anstarre. Doch muss ich drei der kostbaren 14 Tage am Pool verbringen, zwei weitere verlieren, weil wir immer die billigste oder, wie nennt die das? einheimischste? Fahrgelegenheit und Unterkunft ausfindig machen müssen und sitze übrigens auch zwei Tage auf dem Klo. Der Fluch.
Bin aber sonst nicht so ein Reiser. Andre arbeiten in den Semesterferien bei der Bäckerei und staksen dann im dritten Monat mit Rucksack in Kolumbischen Dörfern herum. Ich bin während meines Studiums einmal in Ägypten und einmal in Flensburg per Autostopp. Sonst zu Hause, in der Bibliothek, in der Philosophischen Abteilung ist niemand und die Bibliothekarin, ist ja eigentlich verboten, stellt mir einen Aschenbecher hin, oder im Sommer mit Buch im Park, wo die Frauen liegen. Lese Benjamin, lese Hofmannsthals Märchen, lese den Cornet. Reiten, reiten, reiten. Reisen?
Arbeiten gehen ist nicht so mein Ding und schon daher das Reisen unwahrscheinlich. . Dazu später.
Wenn mich einer fragt, was ich so bin oder mache, antworte ich gern: ich bin grad Lehrer oder Siebdruckhelfer oder was ich da eben: gerade! so mache. Einen Monat lang, ein Jahr oder fünf. Es könnte, heißt das, auch etwas andres sein und das, was ich selbst nun wäre, stünde dabei immer noch nicht da. Vielleicht später einmal.
Es gibt aber Sätze, in welche das Wort „gerade“ nicht zu passen scheint. „Ich bin grade Westfale“, hätte ja etwas Stutzigmachendes oder Aufstörendes. Manches hängt uns eben an oder besser inne und da können wir nicht viel tun, denken wir.
Ich bin nun der Sohn einer geborenen Prinzessin von Kalveswinkel. Das Bedürfnis, irgendwo zu erscheinen oder mich bemerklich zu machen oder was zu werden, ist mir daher fremd. Ich bin, was, wer und wie ich bin. In jedem Fall ist das ganz recht, wie es ist.
Meine Mutter war eine Prinzessin ohne Land, wie das so geht im Westwestfälischen, wenn der Reichtum zwar groß ist, der Letzt- oder Viertgeborenen aber eigentlich nichts davon hinterlassen werden kann als die Hochnäsigkeit, weshalb dem Prinzessinnensohn dann, also ich, am Ende nichts übrighat als die Hände in den Taschen und eine leichte Enttäuschung darüber, wie er in der Welt so dastehe.
Es gäbe da ja, hätte auch Tante Mia anführen können, immerhin ein Buch drüber, über uns also, mit Auszügen aus Kirchenbüchern. Der erste Eintrag aus dem Jahre 900, ein unleserlicher Krakel. Was denn auch? Da gab es im Dorf noch gar keine Kirche und schreiben konnte doch sicher auch keiner. Wird einer durchgeritten sein, Liste gemacht? Kritzel hin. Immerhin, da oder besser hier, auf diesem Stück Land, war jemand lange vor uns einer von uns gewesen, scheints.
Im Kirchenbuch von Handorp, habe ich gelesen, werdet ihr, werden wir erwähnt. Ihr habt, wir haben im Jahre 1312 dort drei Schweine besessen, wenn wir dem Schreiber glauben wollen. Da standet ihr, ich stelle mir vor: Vorvater und Vormutter, irgendwo auf einer endlosen Wiese, mit euren drei Schweinen. Es regnet.
Wenn man zur Welt kommt, hat man naturgemäß vieles hinter sich.
Bin in Münster geboren und nicht im Hinundher. Umzüge, Vaters Karriere später.
Angenommen: Es kriege einer die Dinge nicht recht auseinander und wer, wie, was er, der sei: „ich“, das schon gar nicht. Käme wieder einmal vorbei, auf dem Hof in Münster, und Tante Mia sähe ihn streng an, während er in die von ihr dick mit Butter bestrichene Schinkenstulle bisse, und nickte ihm zu: „Du bist einer von uns!“, auch wenn er in zwanzig Jahren in der Ferne so etwas Ausländisches angenommen hätte. Käme der nicht erst recht durcheinander? Wir, wer, wie „uns“?
„Einer von!“, in Westfalen am reich gedeckten Bauerntisch, in Westwestfalen, um genau zu sein, denn das tünselige, so nannte das einer, Ostwestfalen ist ja eine ganz andere Geschichte. Westwestfalen ist ein plattes Land, in dem es an Butter und Schinken niemals mangelt.
Sagen wir, der unsere fühlte sich tatsächlich nur recht behaglich, wo das Land flach ist, wo er daher laufen oder fahren könnte, immer geradeaus, immer weiter, und sähe, dass da in Richtung Unendlichkeit nichts Überraschendes mehr kommen könnte. Immerhin aber Weiden, Wäldchen, Felder, Kühe, ein Hof hier oder da und dann nochmal von vorn, wieder und wieder.
Berge beunruhigen ihn, das ist etwas Westwestfälisches.
In der großen Stadt hier, wenn da die Straßenbahn mit einem tiefen Grollen herankommt, zuckt er jedes Mal zusammen, weil er ein Gewitter hört. Mit sowas spaßt man nicht, fühlt er. Er macht, wenn es donnert, tatsächlich sofort die Fenster zu, sitzt drinnen und wartet respektvoll ab, bis es für längere Zeit ruhig und der Himmel wieder blau ist, was nun, seiner Mutter zufolge, daran liege, dass auch sie das so mache, die nämlich als kleines Mädchen auf dem Hof bei Blitz und Donner mit ihrer Großmutter, ihren drei Schwestern und allen weiblichen Dienstboten in der Mitte des Zimmers im Kreis knien und Rosenkränze habe beten müssen, bis das endlich geholfen habe und der bedrohliche Spuk verflogen sei, der Hof also diesmal nicht, wie in den vorangegangenen hundert Jahren zweimal, abgebrannt war.
Stadtkinder kennen dies Zittern und Beben bei Gewittern nicht. Die laufen auch unter Donnerwolken in den Park und lassen sich vom Blitz erschlagen. Bitte schön! Etwa auch Folgendes wäre zu beachten: Der unsere denkt, hört er die Bestellung: „Hafermilch“, an brüllende Kühe, die gemolken werden wollen. Aber nun, wer sähe ein Landkind in einem, der als Kind in der Molkenstube, von einer Cousine gestupst, ins kalte Wasserbecken gefallen, oder der, den andern hinterher, im Schweinekoben gerutscht und im Schweinedreck gelandet wäre?
Jedenfalls kein Bauer! Bauernlümmel? „Bauerntrampel!“ zischte Tante Betty, die Krankenschwester, als die kleinere Cousine auf dem Weg stolperte. Alles so von Bauernkinder zu Bauernkind gesagt oder gezischt, so dass einer bald auch hier nicht mehr weiß, wer nun was.
Einmal hat er, da war er sieben, wirklich mit Mama auf dem alten Hof der Familie gelebt, bei Oma, Onkel Paul und Tante Mia. Vom Sommer bis nach Weihnachten war er dort, sechs oder sieben Monate. Er lernte melken, Rüben ernten, Strohballen aufschneiden und im Stall verteilen, sogar Traktor fahren, Yeeow! immer geradeaus mit dem Pflug. Er führte lange Gespräche mit Herbert, dem Knecht, wie er hieß. In eine Schule ging er in diesen Monaten nicht. Das scheint aber auch niemanden weiter gestört zu haben und dass ihm später etwas gefehlt hätte, will er nicht behaupten.
Dann das. Sie waren auf dem Feld, ich glaube, Rüben ernten, Runkelrüben (mit der Gabel aufspießen und hoch! auf dem Anhänger ablegen), doch plötzlich fühlte er einen gewissen Druck im Unterleib. Er musste ein Klo finden und die gab es nur im Hause. Der Gedanke, sich schleunigst hinter den nächsten Busch zu hocken, kam dem Stadtkind nicht. Er lief also, und das Haus war weit, weit weg. Kurz vor dem Ziel geschah das Malheur. Im Nu standet ihr beiden neben ihm, seine grinsenden Cousinen. "Eingeschissen!" lautete eure Diagnose. Seine Mutter steckte ihn in die Badewanne. Durch die verschlossene Tür hörte er euch kichern. Ihr balgtet euch um den Vorzugsplatz am Schlüsselloch. Der Cousin war eben einfach eine Pflaume. In Westernfilmen habe ich ihn und euch wiedergefunden. Der junge Mann aus dem Osten, über den sich die richtigen Cowboys kaputtlachen. Solche Filme guckt heute aber niemand mehr. Da hat sich etwas verschoben, nehme ich an, und zwar zu eurem Nachteil. Ich nehme das als späte Rache.
Man denkt sich das nett, das Landleben. Im Winter gemütlich mit Herdfeuer, im Herbst rotgoldbraun, im Sommer leuchtend.
Meine Cousins werfen gackernd Einwegfeuerzeuge in die Flammen des Herdfeuers. Sie hatten die gesammelt und jetzt folgte ein Ploff dem anderen.
Golden glänzen die Felder in der Sonne, im Winde wiegen sich die Ähren. Da mittendrin sitzt, weiß ich, die grimme Frau. Ihr Mantel ist blau, ihr Haar ist blond wie das Korn. Schnell, wissen wir, schießt sie hinter den Kindern her, die da vielleicht durchs Feld laufen und, sorglos oder frech, die goldnen Ähren niedertrampeln, das Korn für unser täglich Brot. Wie der Blitz ist sie da, greift zu und verschlingt den dreisten Knaben. Lief ich hinter anderen, weil es nicht anders ging, ins Feld, durchs Feld, durchs hohe Korn, spürte ich sie, ihren warmen, staubigen Atem, ihre Klauen sich ausstrecken nach mir. Dann konnte ich in letzter Sekunde hinausspringen aus dem Reich der Gefahr, flog mit einem Satz auf den sicheren Weg. Von dort schaute ich noch einmal zurück nach ihr, der Roggenmuhme, die aber schon verschwunden war, und lief schnell weg.
Hühnergackern, Angst, Misthaufen, Hundebellen, Angst, Abendglück: träge in den Stall ziehende Kühe, von uns Kindern mit ein paar Zweigen getrieben. Kacken auf den Feldweg. Sieht aus wie Spinat.
Weiß noch: Als wir über die schmale Straße näherkommen, schwarzer Rauch: die Stoppelfelder stehen in Flammen. Ganz weit hinten steht links einer mit Flammenwerfern, rechts noch einer. Als wir schon beim Kuchen sitzen, kommen sie dazu. Es sind meine Cousins, nicht viel älter als ich, schwarz im Gesicht, die uns stumm begrüßen und gleich wieder verschwinden. Helden sind nicht gesprächig. „Da musst du aufpassen mit der Windrichtung!“ erklärt mir jemand. „Sonst geht es dir schlecht!“ Später höre ich in der Schule, dass das Schrölen oder Abflämmen der Felder ein Unsinn sei, glaube das aber nicht.
Bauern: Groß und schwer, gehen langsam, während beim ersten Schritt die linke Seite etwas absinkt, beim zweiten der rechte, und die Arme leicht schlenkern. Die Niederländer gehen wie nachlässig, ohne Spannung im Körper. Bauern ganz aus dem Osten hingegen, mit mehr Fett auf den Rippen, mit starken Armen: gerade halten! Bauch raus! kleiner, Kinnlade vor, grimmig! kommen in kurzen energischen Schritten voran. Alles ist gespannt, Denn, sagen sie, ich habe einen gefragt, alle anderen sind meine Feinde. Mein Cousin hingegen hat auf seinem westfälischen Quadratkilometer keine Feinde und keine Angst, vor nichts und niemandem. Der geht so schlendrig wie ein Holländer, nur nicht so breit und von 40 Jahren Feld- und Stallarbeit leicht verzogen. Hat das nun was mit mir zu tun?
Bei mir macht sich als Kind erst die Lunge recht sehr bemerkbar, so dass ich drei- oder viermal im Jahr das Bett hüten darf, wo ich öfters mich ersticken fühle, bis meine Mutter mich mit etwas einreibt, was nach Menthol riecht, und mich in warme Handtücher einwickelt, so dass sich der Atem nach und nach beruhigt. Damit ist es dann ab dreizehn vorbei.
Woher ich das habe, weiß ich auch nicht. Wohnen ein Jahr in Rheinhausen, Ruhrpott. Wenn es auf dem Heimweg anfängt zu stinken, weiß ich, dass wir fast wieder zu Hause sind. Mutter klagt, dass sie die Wäsche nicht raushängen kann. Ist es das?
Im Schwimmbad kräht mal einer: „Du hast ja eine Hühnerbrust!“ Trichterbrust nennt der Arzt das.
Geblieben ist außerdem, dass ich an Orten, an denen die Luft zum Atmen fehlt, weil diese Orte eben so sind, vielleicht sein müssen, ich weiß es ja nicht, also dass ich da unruhig werde. Also in der Schule oder im Büro.
Vier Wände, eine mit Fenstern. Leute drin, um dich rum. Dazu jemand, der dir sagt, was du tun sollst. Dem du zuhören und Antwort geben musst. Da japst es in dir und du willst weg. So ist das. Fühlst dich ersticken. Das ist deine Lunge, die kriegt da Erinnerungen.
Es ist gut, dass meine Schule oder dergleichen nur bis zwölf Uhr dreißig dauert oder bis eins. Besser gesagt: Auf diese Weise werden diese vier Wände mit Leuten drumrum und einem dazu halbwegs erträglich. Die Nachmittage sind frei.
In Italien erlebe ich, wie Eltern ihre Kinder bis 17 Uhr oder bis 19 in der Schule lassen, weil die Italiener Kinder so sehr lieben, dass sie sie abends vor dem Fernseher richtig herzen wollen. Anderwärts wird nachmittags gepfadfindert oder thälmanniert oder was die sich so ausdenken, weil die Kinder an wichtigen und großen Dingen beteiligt oder auf solche vorbereitet werden sollen, statt wie unsereiner am Baggerloch zu sitzen und den Kaulquappen zuzuschauen. Kleines ist für sich doch gern schon groß genug.
Macht sich auch im Möwenweg ein neues Organ bemerkbar. Kopf hoch, schaut sich um.
Die junge Nachbarin mit den schwarzen Locken. War Fotomodell gewesen, sagt Mama. Kann nicht lange her sein. Mäht die große Eckhauswiese im roten Häkelbikinilein. Verschwindet um die Ecke und kommt wieder und wieder. Du bebst hinter schützender Gardine.Es beginnt ja mit dieser Phase, in welcher, wie ein Freund von mir sagt, du auch die Heizkörper bespringst, außer im Winter. Es endet, wenn du als sabbernder alter Sack auf Pos und Brüste glotzt, die dich nichts mehr angehen, und nur hoffen kannst, dass keiner deine Blicke bemerkt. Im Einzelnen?
Richtung Osten würde ich dazu gern Folgendes vortragen:
„Es ist ja wahr:
Im Schreibtisch meines Vaters fand ich
Während ihr Ostjungs über eurem handlichen Magazin zugange wart
Stapel mit bunten Heften aus Amerika
Schweigsames Fleisch
Musste es nicht bei der hübschen Christel versuchen, war ja echt zu doof
Tat es mit Miss Juni, Miss Juli, Miss August
Mit dem Pet of the Year
Lief entschärft herum
Und las
Mit siebzehn Adorno“.
Dann richtig
„Wie die geschminkt ist!“, kräht eine, als sie deine erste sieht
Richtig schön ist die und riecht nach Patchouli und ihre große Schwester hat
studiert in Frankfurt bei Ernst Bloch bis zum Ende, Beerdigung und Rudi Dutschke war auch da
Du riechst nach Patchouli
„Wie die geschminkt ist!“, kräht die von eben, als sie deine zweite sieht
Richtig schön, mit teurem französischen Kram und zeigt dir das KaDeWe
In den Mund nimmt sie ihn und ihre Hände arbeiten an dir und an sich selbst
Nicht geschminkt, die dritte
Willst ja was Neues, wie?
Hilft in einem selbstverwalteten Bioladen aus und macht Gruppentherapie bei einer Sanyasin
und da gibt es nur Natur
Nicht solche Kopfsachen, sagt sie
Die wohnt in einer Fabriketage, da haben sie alte Fensterrahmen zusammengenagelt statt Mauern
einzuziehen. Glas trennt. Da gucken dir alle zu
Hat dann auch so ihre Geschichten, die. Alles Natur
Geht nicht lange
Kopf hoch, schaut sich um
Das mit den Fenstern in Westberlin, im Hinterhof, das ist ja so:
Keiner hat Gardinen. Die von gegenüber springt nackt am Fenster rum
Da darfst du nicht aufschauen
Eine hat ein hohes Bett am Fenster. Jeden Abend um zehn: Spot an, krabbelt Richtung
Fenster aufs Bett, zieht Pulli übern Kopf. Volle Brüste fallen ins Licht
Da darfst du nicht aufschauen
Wie in der Hasenheide. Liegen da, Titten in der Sonne
Da darfst du nicht hinschauen. Nur so vorbeisehn
Ein Türkenopa kriegt das nicht hin. Kann es ja nicht fassen. Steht da mit Fotoapparat
Verpiss dich, alter Spanner!
Westberlin schwierig für Fremde
Unsre Männerschweinigkeit blitzt uns aus den Augen
Die vor dir im Seminar trägt nur ein buntes geripptes Tanktop über ihren strammen Titten
Christels schaukeln unter Spaghettiträgerhemdchen
Schau weg, Mann!
Zweite Rede Richtung Osten:
„Stand immer gleich wieder vor der Mauer
Sie verlassen den amerikanischen Sektor
So ein Schild abmontiert nachts in Neukölln, heimgetragen
Unsereiner stand auch am Nollendorfplatz und hat oben unter grauem Himmel
Da oben die gelbe Bahn langsam im Bogen ausfahren sehn
Sich frei gefühlt einen Augenblick lang
Dreihundert Meter weiter war die Peepshow
Nackte Frau auf Drehscheibe
Lacht laut auf: Heut wieder nur Wichser hier!
In acht Kabinen deinesgleichen
Erleichterungsinstitut
Runterholen, runterkommen für ein paar Mark
Bei uns. Und ihr?
Was habt ihr gemacht bei Ärger mit der Freundin?
Die hatte was mit einem
Gefickt hat die mit dem!
Das muss doch möglich sein, hat sie gesagt
So etwas
Kam doch vor, oder?
Du ranntest raus, Türwumms und was?
Habe in einem Film gesehen
Wie einer nach so einem Streit zu einer Nutte rennt
Standen ja am Kudamm zwischen den Glaskästen mit den teuren Sachen
„Komm doch!“, sagten die so lieb. „Mensch, fünfzig Mark hast du doch!“
Hatt ich nicht, und
Der im Film liegt dann da und kriegt ihn nicht hoch
Muss man mit rechnen
Also
Ihr habt was? Euch zugesoffen?
Eine angemacht im Club?
Kein bisschen nervös dabei?
Bläschen, Brennen, Heim riskiert? Sie, du weniger
Aber laute Auftritte? Begegnungen? Schamröte?
Frage ja nur“.
Westkultur?
Frauen entzünden sich am Männeraug
Magisterinnenarbeiten: qualitative Interviews mit Peepshowfrauen
Glotz- oder Wichsgeschädigt
Männerblick!
Peepshows verschwinden.
Ungesehen
Blutjunge Bulgarin im Puff
Zwei Seiten Anzeigen in der BZ
Behaarte Polin
Wohnungen für Modelle
Ist so, weiß jede
schreibt keine.
Das ist unsere Welt,
Reinhold geht ein Heftchen kaufen am Kiosk.
Hat Angst, da könne plötzlich so eine Frau neben ihm stehen und ihn zur Sau machen.
Schwitzkasten. Meinen Hals in der Armbeuge, meinen Kopf gegen seine Brust, hält er mich eingeklammert und dreht sich mit mir durch die Klasse. „Wenn ich zudrücke!“, schreit er lachend, „dann erstickst du!“ Andre würden hinten rum auf seinen Rücken schlagen, ich versuche, mit den Händen seinen Arm zu lösen. Zwecklos. Nach drei, vier Drehungen sieht niemand mehr zu. Er lässt mich los und lacht. „Alles klar?“ Ja. Ich schleiche mich an meinen Platz.
Zu Hause im Möwenweg bist du vor sowas ziemlich sicher.
Vor dem Schultor Sonnengegenlicht, Staubflimmern, Gebrüll. Ein großer Kreis hat sich da auf der Straße gebildet. Gehen nicht nach Hause? „Hubert! Hubert!“ Der liegt mit Karl auf der Straße, sie drehen und wälzen sich und heben immer wieder einen Arm zum Schlag. „Bis aufs Blut!“, sagt einer anerkennend. Das meinten sie, wenn sie „Wir sehen uns nach der Schule!“ sagten. Sehe zu, dass ich weiterkomme.
Kommt einer aus dem Dorf dahin, wo Micha und ich vor unsern Garagen spielen.
Größer als wir und nicht von unsrer Schule. Kommt auf uns zu.
„Kennst du den?“ Micha schüttelt den Kopf.
Baut sich vor mir auf, Arme verschränkt. „Was guckst du so läpsch?“
Was? „Was meinst du?“
„Läpsch. Du guckst läpsch!“
Er hebt die rechte.
„Was ist läpsch?“, frage ich.
Er schlägt mir ins Gesicht.
Micha macht einen Schritt zur Seite.
„Läpsch!“
Noch ein Schlag.
Stehe ratlos da.
Tritt mich vors Schienenbein. „Los! Wehr dich!“
Ich tue nichts. Was soll das? Ich hebe einen Arm vors Gesicht.
Greift meinen Arm, dreht ihn um. Noch ein Schlag, noch ein Tritt. „Wehr dich!“
Nein.
Schlag. Schlag. Tritt.
Micha sieht zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich sehe ihn an. Schaut weg.
Schlag. Tritt. Schlag. Schubst mich gegen die Wand. Schlag.
„Bist echt läpsch!“, spuckt der Typ aus und verzieht sich.
Micha kommt wieder näher.
„Warum hast du mir nicht geholfen?“, will ich wissen.
„Das geht Mann gegen Mann!“.
Mutter hat Besuch. Sie ruft mich ins Wohnzimmer, als ich ins Haus komme.
Ich bleibe in der Tür stehen.
Sie besteht darauf, dass ich näherkomme. Die Frauen mustern mich.
„Wie siehst du denn aus?“
Schaue zu Boden.
„Ja, bist du verprügelt worden?“ Lachen die?
Sage nichts.
„Na, dann wirst du bald mal einen Judokurs machen!“
Nein. Will ich nicht, werde ich nicht. Will nur weg.
2005 oder so erscheint ein beunruhigter Artikel im „Spiegel“: Eine Psychologin hatte herausgefunden, dass es jetzt auch an der Grundschule Mobbing und Gewalt gebe. Wo mag die zur Schule gegangen sein, dass die sich wundert?
Als ich endlich aufs Gymnasium komme, denke ich: „Keine Schläge mehr!“ Fast richtig.
Groß und drahtig, in Schwarz auch die Lederhandschuhe, die er in der rechten Hand
trägt. Energisch schreitet er durch die Reihen. Im Vorbeigehen schlägt er mir die
Herrenhandschuhe ins Gesicht. Lacht.
„Eh!“, ich drehe mich zu ihm um.
„Der Herrenmensch!“, knurrt er und setzt sich.
Herrenmensch ist Repetent, wie unser Lehrer das nennt, und verschwindet bald.
„Milchi!“ Der Schlag trifft dich von schräg oben auf den Rücken. Sprotte ist einen Kopf größer, Körperbau eher schwabbelig, aber schwerer und stärker als du ist er allemal. Du musst springen, um die Wucht des Schlags abzufangen. Lumpi gackert. Einmal täglich.
Das hört irgendwann auf. Die sind dann alle weg.
Später, in Westberlin, da laufen Teddyboys und Skins herum in Gruppen und deine Haare sind zu lang. Immer die nächsten hundert Meter abchecken auf dem Bürgersteig, gegebenenfalls zügig die Seite wechseln. Du hast doch gelernt, Ärger aus dem Weg zu gehen?
Dein Nachbar im Hinterhaus in der Gneisenaustraße presst dich mit dem Arm am Hals gegen die Wand. Holt aus. Nachbarin taucht auf. Er lässt dich gehen. Der geht dann sechs Monate in den Knast, weil er zwei Polizisten zusammengeschlagen hatte. So lange bist du sicher.
U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz vermeiden. Da Skins haben die einen BVGler zu Boden geschlagen und dann totgetreten.
Mann gegen Mann? Bei den Kinderschlägereien, vor allem zwischen Jungs, gab es Regeln. Treten, an den Haaren ziehen, drei gegen einen: so was machten nur Mädchen.
Wenn einer von zwein Stimme und Faust hebt voll Wut, formt sich in Deutschland ein Kreis um die beiden, die sich dann vor ihrem Publikum prügeln. In Italien, erlebe ich später, halten die Umstehenden den Erregten fest und hindern ihn, der immer noch lauter schreit, am Kampf. Mordstheater, aber keine Schläge. Irgendwann beruhigt er sich.
Mann gegen Mann ging das bei uns.